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Roadreport: Der Oder-Neiße-Fernradweg

Ein Weg zwischen den Zeiten

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Es ist kein Geheimnis. Radfahren ist Kult, Breitensport und dazu auch noch gesund. Seit dem zunehmenden Ausbau von Fernradstrecken wird der Radurlaub auch eine Alternative zum alljährlichen Rudeltreffen an den Stränden der Welt. Bestens geeignet für eine Woche Radeln nicht weit von Berlin und schon einer der ganz großen Klassiker seiner Art ist der Oder-Neiße-Radweg.

Durchschnittlich circa 1,5 Meter breit und über 600.000 Meter lang ist er unübersehbar, möchte man meinen. Sucht man aber auf einer Deutschlandkarte nach dem Oder-Neiße-Radweg, verhält es sich etwas anders. Das Rheinland und die deutschen Mittelgebirgslandschaften bleiben links liegen, bis der Blick vom rechten Kartenrand begrenzt wird. Die Karte hängt nun schon weit vom Tisch herunter oder man verharrt in einer unbequemen Haltung weit östlich der Elbe über einem Landstrich, wo so alte Namen, wie Böhmen und Sudeten, Lausitz und Schlesien, Posener Land und Pommern, geschrieben stehen. Spätestens jetzt ahnt jeder, dass einem mit einer anderen Karte besser geholfen wäre. Wohl dem, der noch eine alte Landkarte von den Großeltern vor sich ausbreiten kann. Aus dem säuerlichen Dunst des alten Papiers tauchen dort vergangene Ortsnamen wie Reichenberg oder weiter nördlich Stettin und Swinemünde auf. Dazwischen liegen Orte wie Görlitz, Forst oder Guben, von denen der eine oder andere zwar vielleicht schon einmal gehört hat, die aber irgendwie weit weg und nicht mehr ganz in Deutschland zu liegen scheinen.

Auf dem Kartenrand entlang

Jeder, der jetzt ein wenig Abenteuerlust fühlt und unruhig mit dem Finger über das vergilbte Papier fährt, der hatte vielleicht die richtige Intuition, nach dem Oder-Neiße-Radweg zu suchen. Dieser Weg ist eine Reise durch eine Vergangenheit, die manchmal auch die eigene ist, die der Familie, der Eltern oder Großeltern, die vom Kartenrand dort drüben einmal herüberkamen und jetzt im Ruhrpott leben oder in einer kleinen Stadt an der Elbe. Was ist aus den alten Namen geworden? Finden Sie es heraus. Dieser Radweg ist mehr als ein Urlaubsziel. Er ist eine Wanderung durch Zeit und Raum, eine Momentaufnahme zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er liegt so nah und ist trotzdem ein Fernradweg – Fahren sie einfach los, treten Sie in die Pedalen und rollen Sie auf dem Kartenrand entlang und vielleicht auch Mal etwas darüber hinaus!

Eine Dorfbank und Hunde

Beginn der Strecke ist eigentlich im tschechischen Nova Ves nahe Liberec, wo die Neiße in einem wilden ursprünglichen Tal von den Böhmischen Bergen hinunterklettert und der Radweg versucht ihr so gut es geht zu folgen. Er schlängelt sich in Bögen durch bergiges Terrain und passiert eine Reihe Böhmischer Dörfer, denen – insbesondere den kleinsten Ortschaften – noch ein ganz ursprüngliches Flair zueigen ist. Dort gibt es kleine Geschäfte, eine Dorfbank und Hunde mit Kringelschwänzen, die sich Abends auf der Straße treffen und sich aus vorüberfahrenden Radtouristen wenig machen.

Abschiedsstimmung

Viele scheuen aber diese für heutige Verhältnisse fremdartige Welt und beginnen ihre Fahrt erst ab dem Dreiländereck von Tschechien, Polen und Deutschland. Zu diesem Zweck versammeln sich in den Sommermonaten auf dem Zittauer Bahnhofsvorplatz nicht selten große Gruppen von Radfahrern. Sie kommen entweder mit dem Zug aus Dresden oder mit der Lausitzbahn von weiter nördlich. Nachdem alles aus dem Zug geschafft ist, wobei man sich meist gegenseitig hilft, schlägt die anfänglich nervöse Hektik in eine heitere Betriebsamkeit um. Oft tun sich ein paar Radler zusammen, um den richtigen Ausgang zu finden oder Räder und Gepäck über die umständlichen Treppen der Gleisunterführung zum Vorplatz zu schaffen. Aber wenn auf dem Bahnhofsvorplatz eine allgemeine Abschiedsstimmung herrscht, die wegen der freudigen Erwartung des langersehnten Aufbruchs keinesfalls eine traurige ist, dann soll von nun an alleine der Zufall bestimmen, ob man sich auf dem Oder-Neiße-Radweg noch einmal begegnen wird. Einige von ihnen werden sich gleich noch einmal in der Stadt wiedersehen, um sich gemeinsam mit ratlosen Gesichtern zu beratschlagen, wie am besten aus der Stadt zu finden sei. Andere halten sich an die zielstrebigsten Radler, die sich auszukennen scheinen, und folgen ihnen im unauffälligem Abstand zum Fluss hinunter und aus der Stadt hinaus.

„Umleitungen“

Die Richtung bestimmt von hier an der Fluss. Manchmal führt der Radweg plötzlich in kleine, enge Gässchen, vorbei an etlichen musealen Höhepunkten der am Wegesrand liegenden Ortschaften, die der Besucher auf keinen Fall verpassen soll. Mit der Zeit werden diese kleinen „Umleitungen“ seltener und der Radweg bleibt oft auf dem Deich, der eine gute Aussicht auf das weite Land bietet. Das macht einen einfachen und beinahe kargen Eindruck. Sensationen sind hier rar und nichts versucht spektakulär zu wirken. Abseits vom Neißetal schlendert der Radweg über einsame Alleen und leise Dörfer, die umgeben von den ausgedörrten Sandböden manchmal mehr trostlos als reizend wirken. Auf den freien Feldern wird Ackerwirtschaft betrieben und die Steine aus der mageren Erde gesammelt, die den Wegesrand säumen. Wenn dazwischen eine Stadt wie Görlitz am Horizont auftaucht, dann muss sie wie eine rettende Oase wirken.

Wölfe

Ab und zu reicht ein Dorf bis an den Rand der Neiße-Niederung, wo der belebende Kontrast der grünen Flussaue dem Anblick einen malerischen Reiz verleiht. Dann geht es zwischen gelbgoldenen Getreidefeldern abwärts in die Flussaue, wo der Radweg schnurgerade durch Wiesen und Felder führt, die am Rande von Höhen begrenzt sind. Über lange Strecken bleibt hier alles so menschenleer, dass sich in der Muskauer Heide beispielsweise seit kurzem sogar wieder Wölfe angesiedelt haben sollen.

Neue Grenzen

Es ist ein Radweg für Kilometerfresser. Es scheint nur noch diesen etwa einen Meter breiten Asphaltstreifen und das monotone Summen der Reifen zu geben. Der Blick hat sich schon längst in der schmucklosen Landschaft verloren. Nichts kann ihn einfangen, und so schweift er unruhig umher und drängt zum Weitertreten. Es geht weiter an alten Dörfern vorbei, die es gar nicht mehr gibt. Heute weisen dort Schilder auf ihre Wüstungen hin, wie sie im Zuge des letzten Krieges oft in diesem Grenzgebiet entstanden sind, wo es zur Legitimation der neuen Grenze politisch sinnvoll schien, ganze Dörfer zu schleifen. Geblieben sind nur die mageren Skelette der Brücken aus Stein und Beton, die vom Dickicht bedeckt in den Flusswiesen schlummern. Dieser schmale Fluss ist vielleicht keine „echte Grenze“, aber die Grenze selbst ist Realität. Dazu kommt der Tagebau, der ein tiefes Loch in die Welt geschlagen hat. Dort scheint auch die Ewigkeit ihr Ende zu haben, und über verwaiste Eisenbahntrassen geht es vorbei an einer wüstenartigen Mondlandschaft, zu der das heile Landschaftsbild auf der anderen Uferseite den wehmütigen Kontrast bildet.

International

Die Neiße wird bald von der weitläufigen Flusslandschaft des Oderstroms abgelöst. Der Deich wird immer wichtiger für das Land und weicht trotz der vielen Schlenker nur noch selten von der Seite des Flusses. Es ist dieselbe schlichte Schnörkellosigkeit, wie schon zuvor in der Lausitz, mit der sich auf der neumärkischen Seite der Oder hin und wieder alte Dörfer an den abfallenden Höhen und Waldrändern entlang ziehen. Keinem, der es bis hierher geschafft hat, gelingt es jetzt noch, sich dem Reiz zu entziehen, den das Land ausstrahlt. Diese Schönheit verdient einen besonderen Schutz und existiert seit den Neunzigern als ein „Internationalpark Unteres Odertal“, der nämlich in Polen und Deutschland liegt und deswegen nicht einfach nur national ist.

Auswahl

Im Westen dehnen sich Poldergebiete aus, die im Sommer zur Weidewirtschaft genutzt werden, und zwischen Oder und Deich ziehen sich Feuchtwiesen in tausend Blütenfarben hin. In der Ferne reichen die Höhen bis an den Westrand des Tals, an denen hin und wieder kleine Ortschaften auftauchen. Die Deiche vermehren sich und verlaufen nun quer und parallel zueinander durch die grünen Wiesen. Auf ihren Rücken bieten sie dem Radfahrer eine Auswahl an Radpisten. Er kann selbst entscheiden, ob er den mühsamen Weg über bucklige Betonplattenwege wählt, der absolute Abgeschiedenheit bringt, oder die komfortable Asphaltstrecke, die dicht am belebten Schiffskanal entlang führt und die Ortschaften am Westhang streift.

Wendepunkt

Ein Stück weit hinter Schwedt am Ende des Internationalparks liegt Mescherin – Ein Ort, den Sie sich merken werden, weil er den Wendepunkt einer langen Reise markiert. Ab hier wird alles anders sein. Ein letztes Mal berührt der Radweg die Oder an den Hafenanlagen Mescherins, wo es seit dem Ende der Butterfahrten still geworden ist. Beim kleinen Grenzübergang am Ortsende gibt es eine Weggabelung. Eine Route nimmt den Pflastersteinpfad durch das breite, wilde Odertal auf die polnische Uferseite bei Gryfino/Greifenhagen, um von dort möglichst schnell Stettin und den Haffrundweg zu erreichen. Die andere Route führt hinauf ins Hügelland und über die kargen von Felsen übersäten Felder der Uckermark. Es ist eine abenteuerliche Buckelpiste, auf der kein schnelles Vorankommen möglich ist. In kleinen zerklüfteten Tälern berührt der Radweg immer wieder die Märkische Eiszeitstraße und folgt ihr ein Stück. Dabei passiert er Orte, von denen man bisher meinte, dass es sie unmöglich noch geben könne oder es sich um Museen handele.

Wiedersehen

Eine bedrückende Wehmutsstimmung über den Verlust des Odertals kann kaum bei demjenigen aufkommen, der sich dem Charme der Landschaft ergibt, die sich wie ein ungeschliffener Rohdiamant präsentiert. Über verschlungene Hohlwege geht es gemächlich nordwärts. Es scheint, als hätte sich der Radweg dem Tempo der alten Dörfer angepasst. Längst befindet man sich in Mecklenburg Vorpommern und dann trifft man unverhofft auf das Oderhaff. Es ist durch und durch maritim und gibt einen passenden Vorgeschmack auf die Ostsee. Der restliche Weg bis an die Strände Usedoms ist hier zur reinen Ehrensache geworden und in Swinemünde laufen wieder alle Strecken des Radwegs zusammen. Auf der Stadtfähre kann man denen begegnen, die ab Mescherin den Weg über Stettin und den östlichen Bogen des Haffrundwegs gewählt haben. Wer sich vorgenommen hat, auf Usedom wieder in den Zug nach Hause zu steigen, wird feststellen, dass es ihm angesichts der vielen Radweg-Anschlüsse schwer fällt. Ein Ende der Möglichkeiten ist hier nicht in Sicht, und es werden immer mehr, die wiederkommen!

Streckeninfos

Roadshow

Etappenberichte
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Detaillierte Karten von allen Etappen des Oder-Neiße-Radwegs: bikeline Radtourenbuch, Oder-Neiße- Radweg: Von der Neiße-Quelle zur Ostsee, wetterfest/reißfest

  1. […] Swine oder Dziwna, gewählt werden. Entlang der Oder verläuft aber auch der bestens erschlossene Oder-Neiße-Radweg, der sich für eine kombinierte Wasser- und Radwanderung im Inland bis Stettin […]

    Flussreport: Die Oder (Odra), 3. Teil - roadreport on September 9th, 2009 at 15:05
  2. […] auf dem Deich an uns vorbei. Uns wird sofort klar, dass direkt neben unserem Zelt der beliebte Oder-Neiße-Fernradweg vorbeiführt, der jetzt natürlich Hochsaison hat. Die rege Betriebsamkeit ist befremdlich. […]

    10. Logbucheintrag: Hart an der Grenze - roadreport on März 1st, 2010 at 15:44
  3. […] entfernt liegt Zittau. Dort kann man die ganze Chose noch einmal umgedreht durchmachen: Auf dem Oder-Neiße-Radweg von den Bergen runter zum Meer – oder irgendwo hinter Guben abbiegen nach […]

    Roadreport: Der Spree-Radweg - roadreport on März 1st, 2010 at 15:45

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