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Roadreport: Elbe-Radweg – Etappe Böhmen/Tschechien, 2. Teil

Der Fluss und sein Gebirge

elbe_porta_bohemicaAb Melnik folgt der Elbe-Radweg seiner Bestimmung. Die führt ihn stromabwärts gen Norden, wo Fluss und Radweg nach kaum mehr als 100 Kilometern die deutsch-tschechische Grenze erreichen. Die Elbe gräbt sich hier tief in ihr Bett. Die flache Landschaft verrät noch nichts von dem, was kommen wird.
Das Elbtal ist hier weit und nur wenige Bergmassive setzen einen Kontrapunkt in der Ferne. Und wie beim Felsen von Melnik, trifft die Elbe gelegentlich auf ein neues Massiv an ihrem Ufer. Jede dieser Erhebungen ist ein Wegstein, der den Fluss in seinem Bett hält. Und jeder Berg ist hier ein markanter Ort, der einst Siedler angezogen hat, die die Nähe zum Fluss und dabei zugleich Schutz vor seinem Wasser gesucht hatten.

Eger-Elbe-Land

An so einem Ort wurde auch Schloss Litoměřice (deutsche Bezeichnung: Leitmeritz) errichtet. Auf einem Berg thront dieser stille Ort heute samt Schloss und Nebengebäuden, bestehend aus einem Magazin, Speichergebäuden und einem Dorf, über der Elbe und schaut hinaus in die gegenüberliegende Ebene, wo Elbe und Eger (tschechisch: Ohře) am östlichen Rand des Nordböhmischen Beckens zusammenfließen.

Ausflug Theresienstadt (heute: Terezín)
Ganz in der Nähe von Litoměřice, nur wenige Kilometer von der Mündung flussaufwärts am Eger – hierin führt auch ein Ableger des Elbe-Radwegs – liegt Theresienstadt, eine alte Festung, durch deren Mitte der Eger fließt. Alles hier ist von einer Geschichte aufgeladen, die wohl nirgends sonst so hätte geschehen können. Einst nur eine alte Festung aus dem späten 18. Jahrhundert, dominieren hier die gegenwärtigen Eindrücke der jüngeren Geschichte mit dem gleichnamigen Konzentrationslager aus NS-Zeiten. Theresienstadt steht heute im Gedächtnis vor allem dafür, Durchgangs- und Sammellager und dann Ghetto für Menschen gewesen zu sein, die vernichtet werden sollten.
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Doch dieser Ort wurde nicht vernichtet, und inmitten dieser extremen Stadtgeschichte gestalten noch heute Menschen ihr Leben. Und trotzdem ist alles Geschehene hier allgegenwärtig geblieben, und kein Mensch und kein Stein kann sich dem Gedächtnis der Stadt entziehen. Dieser Eindruck scheint endgültig, denn es gibt hier nichts, was mächtig genug wäre, das Geschehene zu überschreiben und mit einer neuen, einer anderen Deutung zu versehen. Zu gut hat sich das Bild von der Festung mit der Geschichte von Theresienstadt verbunden. So steht die Stadt da wie ein Denkmal. Und trotzdem: Mitten in der Siedlung lassen sich Gardinen hinter Fenstern und Wäscheleinen im Hof entdecken.
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Diese Lebenszeichen verkünden eine neue Geschichte. Es ist die Geschichte Terezíns. Aber Menschen zu dieser Geschichte trifft man kaum. Wer hier wohnt, arbeitet offenbar nicht hier. Autos strömen am Abend über die Eger-Brücke in die Stadt, wo nur ein paar Kinder unterhalb der Brücke im Fluss baden. Lediglich ein paar alte Herren sind schon den ganzen Tag hier. Als seien sie nie gegangen und schon immer hier, haben sie sich im Park versammelt und stehen dort wie Mahnmale einer Menschlichkeit, zwischen Flaschen und Plastiktüten bei den Parkbänken.
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Terezín ist mehr Phantom als reale Stadt. Diese Stadt ist schwer zu begreifen. Und doch gibt es diesen fatalen Ort. Millionen rote Ziegel wurden hier nicht zufällig Ende des 18. Jahrhunderts in der Eger-Elbe-Ebene aufgetürmt. Aber gemessen am einstigen Zweck muss das alles umsonst gewesen sein, denn die eigentliche Bestimmung dieser Stadt, unter dem Eindruck der vorangegangenen Schlesischen Kriege einmal als Festung gegen preußische Einfälle zu dienen, wurde nie eingelöst. Theresienstadt, die Festung, wurde Garnisonsstadt, dann Konzentrationslager und ist nun Zuhause für kaum mehr als 3000 versprengte Bewohner, die heute hier leben. Warum sie hierher kamen, wie sie sich hier fühlen und wie sie eigentlich ihr Zuhause empfinden, lässt sich für mich als Durchreisender kaum erschließen. Aber Terezín war und ist immer noch Theresienstadt: eine Festung ohne Schlacht.

Am Zusammenfluss von Eger und Elbe ist das Böhmische Mittelgebirge erreicht. Die Radwege verlaufen oft auf ruhigen Nebenstraßen oder dicht an der Elbe auf neugebauten Radwegen. In Tschechien ist Radfahren ein beliebter Freizeitsport. Dementsprechend breit ist auch die Unterstützung für den Ausbau von Radwegen. Nur noch selten verläuft der Elbe-Radweg abseits der Elbe auf KFZ-Straßen. Stattdessen gibt die Elbe den Weg vor, wo neue Radwege direkt am Ufer entstehen und die umliegenden Höhen sich wenig auf das Höhenprofil der Strecke auswirken.

Abwärts

So gibt es nur wenige Anstiege zu bewältigen. Und insgesamt geht es ja abwärts – stromabwärts! Das wird spätestens in Ústí nad Labem (deutsche Bezeichnung: Aussig) deutlich. Um die Elbe schiffbar zu halten, wird sie vor der Stadt angestaut. Am Stadteingang nach Ústí nad Labem erreicht die Elbe dann ihre letzte Staustufe. Die Berufsschifffahrt wird hier ein letztes Mal geschleust auf ihrem Weg zum Meer. Aber auch für Radfahrer ist diese letzte Station der Schiffe spürbar. Im engen Tal, wo die Burg Schreckenstein hoch auf einem Stein über der Elbe thront, verengt sich die Straße so sehr, dass für einen richtigen Radweg kein Platz bleibt. Der einzige Weg abseits der vielbefahrenen Autostraße führt über die Staumauer, wo Rad und Gepäck über die Treppen der Anlage gewuchtet werden müssen.

Die letzte Station

An der Elbe verhält es sich in etwa umgekehrt wie an der Moldau – erst die flache Ebene des Nordböhmischen Beckens und dann beginnt das Böhmische Mittelgebirge und es wird zunehmend eng. Felsen und Ufer rücken zusammen. Ústí nad Labem mit dem Schreckenstein ist die letzte Station dieser böhmischen Märchenhaftigkeit. Das Böhmische Mittelgebirge mit seinen sanften Ausläufern in die Böhmische Tiefebene erreicht hier sein Ende. Das Elbtal zieht sich nun vollends zusammen, und das letzte Wehr der Elbe in Ústí nad Labem läutet die Etappe durch das Gebirgsmassiv von Böhmischer und Sächsischer Schweiz ein. Der Fluss strebt weiter stromabwärts, aber die Landschaft steigt an.

Durchbruch

Die letzte nennenswerte Ansiedlung vor dem Bergmassiv der Böhmischen Schweiz ist Děčín. Danach folgen nur noch Böhmische Dörfer am Ufer des von Felswänden begrenzten Flusses. Die Berge bilden nach dem Riesengebirge als Quellort der Elbe das zweite Gebirge auf dem Weg zum Meer. Es trägt zwei Namen. Im tschechischen Teil wird von der Böhmischen Schweiz, beim nördlichen deutschen Teil von der Sächsischen Schweiz gesprochen. Beide Schweizen bilden zusammen das Elbsandsteingebirge, eine dramatische Landschaft mit steilen Felsstürzen und engen Tälern. Überall bizarr geformter Elbsandstein; steinerne Ablagerung eines alten Meeres. Heute fließt mitten hindurch ein alter Fluss. Eingebunden in den Durchbruch des Elbsandsteingebirges windet sich der Elbe-Radweg beiderseits dicht am Flussufer entlang.

Grenzenlos

Wann die Böhmische Schweiz aufhört und die Sächsische beginnt, ist nicht zu erkennen. Alle Grenzen zerfließen hier. Landschaftlich haben beide Schweizen einen gemeinsamen, geologischen Ursprung. Nur ein paar Schilder und die alte Grenzanlage bei Schmilka am ostseitigen Elbufer sind die einzigen sichtbaren Zeichen, die von einer politischen Trennung künden am Übergang von Böhmen nach Sachsen. Doch von der Grenze ist nur ihre eigenwillige, bürokratische Architektur geblieben. Sie ist heute harmlos. Die Abfertigungsgebäude für den Grenzverkehr sind leere Hüllen. Kein Schlagbaum stellt sich mehr in den Weg. Nur ein paar Restaurants locken mit den letzten Knödeln vor der unsichtbaren Grenze, während der Elbe-Radweg ohne Unterbrechung schnurstracks weiter durchs enge Elbtal nach Norden strebt, wo die deutsche Tiefebene mit neuen Versprechungen lockt.

Elbe-Radweg – Etappe Böhmen/Tschechien, 1. Teil
Streckeninfos
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Empfohlene Literatur mit detaillierten Kartenausschnitten:

Oder: Elbe-Radweg Tschechien: Von der Elbquelle im Riesengebirge nach Bad Schandau, 380 km. Radtourenbuch 1 : 75.000, wetterfest/reißfest, GPS-Tracks Download

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