Anzeige

Roadreport: Elbe-Radweg – Etappe Böhmen/Tschechien, 1. Teil

Der Anfang in der Stadt am anderen Fluss

prag_prahaGleich am Anfang etwas zum Mitschreiben: Der Elbe-Radweg beginnt in Prag. Auffällig daran ist, dass sich die pittoreske Altstadt Prags um die langgezogene Biegung eines anderen Flusses wickelt – die Moldau. Die Elbe ist hier noch fünfzig Kilometer entfernt.Tatsächlich beginnt die Reise also auf dem Moldau-Radweg, der von einschlägigen Reiseführern immer wieder hier ab Prag zum Ausgangspunkt für Elbe-Radweg-Reisen erklärt wird.

Zwei Flüsse, ein Ziel

Keine Ahnung, was Geografie-Lehrer und die Menschen in Špindlerův Mlýn (deutsche Bezeichnung: Spindlermühle) nahe der Elbquelle im tschechischen Riesengebirge davon halten. Doch für Radwanderer ist damit die Richtung klar: immer entlang von Moldau und Elbe nordwärts – zwei Flüsse, ein Ziel! Diese Wegeführung hat sich bereits bewährt und nutzt auch die Cycle-Route des Prag-Hamburg-Radwegs. Die Moldau als Nebenfluss der Elbe und Prag als markanter Ausgangspunkt bieten sich hier eben an.

Böhmischer Glanz

Über die Stadt Prag ist viel bekannt und genug geschrieben. Ihre Schönheit ist vielfach gepriesen, und kaum eine Übertreibung ist dafür möglich. Hier muss sich kein Besucher Sorgen über Langeweile oder verschenkte Zeit machen und kann getrost ein bis zwei Tage für das urbane Entdecken einplanen – tagsüber auf den Brücken, den Plätzen und in den Cafés der Altstadt herumlungern, und nachts Bier und Absinth trinken in den hintersten Winkeln und Ecken der Stadt. Soweit das klassische Städte-Trip-Programm für böhmische Metropolen, wobei Prag schon eine besonders glänzende Perle im böhmischen Reservat ist.

Features für Radfahrer

Aber auch für Radfahrer hält Prag einige Features bereit: Radwege, die durch die Parks der Stadt führen, und Radfahrspuren auf den Straßen, die den Autoverkehr ein Stückchen auf Abstand halten. Und das ist schon viel wert in Prag, einer Stadt, wo Radfahren im stetig dichten Verkehr nur ein begrenztes Vergnügen ist. Denn Prag ist eben auch laut, belebt und immer auch ein bisschen hektisch. Da hilft auch das ganze Kultur-Gedöns nicht lange. Wer ernsthaft zum Radfahren hierhergekommen ist, will irgendwann einfach nur noch raus aus der Stadt und fahren. Und das ist die eigentliche Herausforderung: Einmal angekommen, Prag bald wieder zu verlassen.

Die nächste Probe

Hat man es erst einmal geschafft, sich aus dem Klammergriff dieser Stadt zu befreien, beginnt schon die nächste Probe. Sie folgt nach einer schönen aber kurzen Etappe mit besten Asphaltbedingungen. Der nichtsahnende Radfahrer macht es sich hier schon in der trügerischen Sicherheit gemütlich, nun ein komfortables Asphaltrennen entlang von Moldau und Elbe austragen zu können, als plötzlich – noch keine 10 Kilometer außerhalb der Stadt – unbefestigte Schotterwege beginnen. Diese entwickeln sich bald zu poltrigen Natursteinpflasterpisten. Es sind die alten Ufer- und Treidelwege entlang der Moldau.

Modelleisenbahn-Landschaft

Natursteinpflaster kann gepäckbeladenen Radfahrern mittweilen übel mitspielen. Doch hier entlang der Moldau bleibt es gemütlich. Die Gemütlichkeit wird vor allem erzeugt durch die vorherrschende Enge. Im engen Moldau-Tal drängen sich neben dem zwischen Felsen gedrängten Fluss eine Bahnlinie, die Autostraße und die alten Wege der Schiffer, die nun von Fußgängern und Radreisenden genutzt werden. Egal, was hier fährt oder läuft, es geschieht immer direkt am Fluss. Alles ist hier ein bisschen wie in einer Modelleisenbahn-Landschaft, wo alles zu einem romantischen Moldau-Bild komprimiert ist.

Die Höllenpassage

Und diese Schönheit steigert sich zur Enge. Und diese ist wenig erträglich und wird zur eigentlichen Probe. Bedrohlich ziehen sich die Moldau-Ufer zusammen. Von steilen Berghänge eingeschlossen, beginnt nun, noch nicht weit von Prag entfernt aber noch fern der Elbe, der psychologisch herausforderndste Abschnitt des Elbe-Radwegs: Die berüchtigte und bereits vielfach beschriebene Höllenpassage zwischen Klecánky und Dolánky.

Der kleine Hang zum großen Zwang

In einschlägiger Reiseliteratur belesene und vorsichtige Radfahrer umgehen diese Passage und nehmen dafür auch gerne eine Reihe von Anstiegen in Kauf. Alles scheint besser, als das zu durchleben, wovon Reiseführer und mutige Redakteure schon berichtet haben. Aber trotzdem musste ich es unbedingt ausprobieren. Dieser kleine Hang zum großen Zwang trieb mich zu dem, was zu Beginn ganz unverfänglich noch an alpines Kraxeln erinnerte. Doch bereits hier hätte ich es wissen müssen: Die Moldau ist nicht die Elbe, und ein Radweg ist kein Kraxel-Weg! Eigentlich.

Ein internationaler Schotterweg

Es folgt eine kilometerlange und kaum meterbreite Passage im Fels, die nur gelegentlich an Felsvorsprüngen durch breitere „Inseln“ aufgelockert ist. Neben dem kleinen Schotterstreifen, der kaum an einen internationalen Radweg denken lässt, lauert die Tiefe, bestehend aus mehreren Metern Luft und danach die Moldau. Bis zum Grund der Moldau kommen da locker zehn Meter zusammen. Mit Gepäck und Gegenverkehr kein Spaß. Da kann es schon mal knapp werden, und zehn Meter Höhe können einem schon ganz ordentlich Respekt einflössen, wenn man sie ohne Aussicht auf Erlösung auf einem beladenen Fahrrad auf unwegsamen Grund passieren muss. Und trotzdem: Umkehren kam jetzt nicht mehr in Frage. Noch so ein Zwang.

Kopfsache

Klar! Ein Meter Breite ist theoretisch eine fahrbare Option. Aber wie so oft, ist alles Kopfsache. Und darum sollte man im Zweifel besser den Ableger von der Moldau mit der Höhenpassage nehmen, auch wenn man das kribbelnde Gefühl hat, ein Highlight zu verpassen. Das verpasst man zwar auch, aber nicht immer ist alles gut, was kribbelt. Besser sollte man in diesem Fall stattdessen noch einmal mit der Truppe wiederkommen, die gemeinhin nicht als Familienausflug gilt. Die allgemeinen Empfehlungen der Reiseführer zu dieser Etappe des Elbe-Radwegs möchte ich an dieser Stelle unbedingt auch für den werten Roadreport.de-Leser aussprechen: Diese Passage zwischen Klecánky und Dolánky ist wirklich nicht familientauglich!

Zick-Zack durch Böhmisches Tiefland

Die Verwegenen und die Vernünftigen, die von oben gegenüber von Libčice wieder auf den Radweg stoßen, kommen nach dieser Passage wieder an einem angenehmen Weg entlang der Moldau zusammen. Das Tal weitet sich bald, und der Radweg erreicht die flacheren Gefilde des Böhmischen Beckens, wo sich die Moldau ihren Weg zur Elbe sucht. Der Radweg verläuft hier kaum am Fluss, sondern in einem Zick-Zack-Kurs vorbei an Schlössern und Herrenhäusern, die nahe der Moldau stehen. Nur manchmal trifft man auf eine Brücke oder auch eine Fähre zum Überqueren der Moldau. Landschaftlich erreicht die Geografie hier eine Komposition aus tiefländischer Gediegenheit und böhmischer Extravaganz. Der Blick wird weiter und trifft an der Moldau-Mündung bei Mělník dann auf den weithin sichtbaren Felsen, mit der gleichnamigen Burg darauf, dessen eigentümliche, böhmische Erhabenheit sich auf der Elbe widerspiegelt. Der Radweg hat sein Versprechen eingelöst. Die Elbe ist endlich erreicht.

Elbe-Radweg – Etappe Böhmen/Tschechien, Teil 2
Streckeninfos
________________________________________
Empfohlene Literatur mit detaillierten Kartenausschnitten (inklusive der Höllenpassage zwischen Klecánky und Dolánky):

Schreib einen Kommentar

Deine Email wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert *

*
*

Du kannst auch etwas HTML benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Die Straße ist da, wo du gehst.

    Roadreport wird die Info-Seite für Rad- & Wasserwanderer mit Berichten, News und Infos zu Radwegen und Wasserrouten.

    Impressum
    Zum Autor
    Presse & Kooperationen

  • Mit Bike & Kanu

    in einem Leben zwischen Straßenstaub und Stromschnellen.
  • Kategorien

    • Aktuelle Meldungen (23)