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42. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 8: Tag auf der Oder

Von allen Seiten kommen Angler mit ihren Autos bis nah an den Fluss herangefahren und besetzen die Buhnen.Manchmal sind es typische Angler mit Hut und Weste. Meistens aber sind es junge Familienväter mit Kindern, Cowboys und Frauen, oder auch echte Dauercamper, die ihre Wohnwagen und Zelte für ein Wochenende nahe ans Wasser gerückt haben.

Naherholung

Offensichtlich dient die Oder hier als Naherholungsgebiet für gestresste Städter. Da verwundert auch der zurückliegende, nächtliche Eurodance-Rave in den Flusswiesen nicht mehr. Musik gehört hier zur Erholung eben dazu. Auch an diesem Vormittag haben selbst die bescheidensten Radfahrer unter den Angeltouristen ihre Kofferradios mitgebracht. Aus jeder zweiten Bucht schallt Britney Spears oder einer der neuesten Hits des omnipräsenten Pop-Allerleis, das derzeit im Einheitsprogramm der Radiostationen beiderseits der Oder rauf- und runtergedudelt wird. Der einzige Unterschied an diesem Tag ist, dass die Pop-Perlen nicht so ausgeleiert und gewöhnlich wie üblich klingen, weil wir aus dem Urwald kommen und uns daher einbilden können, dass wir das alles zum ersten Mal hören und alles unheimlich groovt.

Friedensgrenze

Nachdem wir an kilometerlangen einheitlich flachen Ufern vorbeigeflogen sind, passieren wir eine Ortschaft, deren Backsteinbauten bis nahe ans rechte Ufer reichen. Gerade befördert eine kleine Fähre ein Auto und eine handvoll Menschen dorthin hinüber. Bis auf leises Stimmengewirr ist alles ganz still. Hinter dem Dorf folgt ein barackenähnlicher Betonbau am rechten Ufer, der vermutlich seit der Aufhebung der „Friedensgrenze“ sich selbst überlassen wird. Die Oder wirft sich in einen letzten weitgeschwungenen Bogen, mit dem sie ihre Fließrichtung endgültig auf Norden festlegt. Die deutsch-polnische Grenze kündigt sich an und die Angler häufen sich nun am linken Ufer.

MS Wroclaw

Von vorne kommt uns ein schwer beladener Lastkahn entgegen, der das Wasser durchpflügt und Wellen gegen die Ufer wirft. An seinem Bug steht in großen Lettern Wroclaw, und morgen oder übermorgen würde er schon dort sein – Eine Strecke, für die wir mit unseren Booten sicherlich nicht weniger als eine Woche bräuchten; noch einmal dieselbe Zeit, die wir bereits unterwegs sind.

UKW 20

Kaum haben sich die Wellen geglättet, erreichen wir ganz unvermittelt den linksseitigen Zufluss der Neiße bei Ratzdorf. Wie sie von Süden versteckt zwischen dichtem Weidengeäst in die Oder mündet, hätten wir sie beinahe übersehen. Voraus sind die Gebäude einer Siedlung zu sehen. Die Häuser wirken mit ihren blanken Dächern und grellen Fassaden unbewohnt, steril und unnatürlich auf uns. Aus der letzten Woche sind wir andere Bilder gewohnt. Am Ufer fordert uns ein blauweißes Schild dazu auf, UKW 20 einzuschalten. Wir haben also die deutsch-polnische Grenze erreicht.

Dazwischen sein

Als illustre Bootswandergesellschaft erwecken wir ein gewisses Interesse bei den Touristen auf dem Deich. Unter ständiger Beobachtung, sind wir uns unsicher, was nun richtigerweise zu tun sei, und zögern, am linken Ufer anzulegen. So liegt Ratzdorf schnell hinter uns und wir treiben weiter die Oder hinab. Noch immer hat uns niemand kontrollieren wollen. Deswegen entscheiden wir uns dazu, sicherheitshalber auf einer der hellen unberührten Sandbänke am polnischen Ufer anzulegen. Damit haben wir zwar einen illegalen Grenzübertritt vermieden, fühlen uns aber wegen der unmittelbaren Nähe zu Deutschland trotzdem etwas unwohl hier. Nur auf dem Wasser haben wir das Gefühl, nichts falsch zu machen und so treiben wir nach einer kurzen Pause bald wieder auf der Oder zwischen den Staaten dahin.

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