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39. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 7: Die Pforte

„An nichts mehr Denken“, sage ich zu mir selbst, als ich die Spritzdecke und das Obergepäck fest verzurrt habe und ablege.Ich taste mich zur ersten Kante vor, stoße das Paddel ins Wasser und schieße ins tosende Weiß hinab.

Nichts geht mehr

Die Angler stehen auf und schreien mir etwas zu. Ich verstehe sie nicht und ich deute es so, dass sie mir zujubeln. Kaum bin ich im Unterwasser wieder aufgetaucht, legen Mark und René ebenfalls ab. Jetzt ist es soweit: Der Zweier steht an der Kante und nichts geht mehr. Die Würfel sind gefallen, das Rad dreht sich. Jetzt sind wir alle auf Fahrt. Der massive Zweier plumpst mit ordentlicher Fahrt ins Unterwasser und läuft wie am ersten Tag gleich einer Dampfwalze vorwärts. Heute ist das gut so. Ich drehe den Einer mit dem Bug stromabwärts der nächsten Schwelle entgegen.

Weißes Wasser

René und Mark sind wohlauf und folgen mir mit knappen 50 Meter Abstand. Das ist nicht viel weniger als die Strecke bis zur nächsten Schwelle. Mit gebetsartigem Gemurmel und Beschwörungen meines Talismans, wie es in dieser zurückliegenden Woche meine Art geworden ist, stoße ich das Paddel ins Wasser und treibe das Boot voran. Kurz vor der Kante sehe ich nur noch diese kleine Gerade, die sich immer kurz vor dem Abgrund fast undurchsichtig über den Fluss spannt und das trügerische Bild einer fortführenden Wasserfläche schafft. Tatsächlich klafft an dieser Stelle aber ein erheblicher Höhenunterschied, und einen Augenblick später sehe ich das weiße Wasser unter mir und das Rauschen ist so nah wie nie zuvor. Ich bin nicht unruhiger als bei der ersten Schwelle, aber irgendetwas ist jetzt anders. Ich sehe kein Ufer mehr. Um mich herum ist nur noch Wasser. Ich ahne, dass ich mich ganz tief unten in einem Wellental befinde. Dann wird es still…

Wasser im Gesicht

Wie in Zeitlupe sehe ich die Wellen zweier Schweife, die sich vor mir zu einem hohen Kreuzwasser auftürmen. Eine Wasserwand steht vor dem Bug. Ich atme noch einmal tief ein und halte die Luft an. Einen Augenblick später bricht das Wasser tosend über mich herein und klatscht mir ins Gesicht. Erst jetzt bemerke ich, dass ich das Paddel reflexartig in die Höhe gerissen habe. Es ist vermutlich das Einzige in diesem Augenblick, was von mir über dem Wasser zu sehen ist. Als ich endlich zwischen den Wellen wieder die Umrisse des Ufers erkennen kann, orientiere ich mich neu und halte das Boot weiterhin auf Kurs. Die Wellen werden niedriger und ich beginne wie ein Berserker zu paddeln, um nicht in einen Rücksog zu geraten. Kurz darauf schaukelt sich das Boot auf kleinen Wellen aus. Ich bin tatsächlich durch. Ein Blick zurück und ich sehe zwei Paddel an ausgestreckten Armen, die über dem tosenden Wasser schweben. Kurz darauf sind auch Mark und René wieder zu sehen, und unter ihnen taucht der dicke Zweier wieder auf.

Halbzeit

Puh, Halbzeit! Wir sitzen alle noch in unseren Booten und der Bober schiebt uns mit aller Gewalt weiter. Meinen anfänglichen Hochmut nach der ersten Schwelle hat mir das zurückliegende Kreuzwasser-Ballet abgespült. Nun bin ich wieder verhältnismäßig beunruhigt, was mit den beiden kommenden Stromschnellen noch folgen wird. Doch der Bober hat den Schonwaschgang eingelegt. Die vorletzte Schwelle links unter der Eisenbahnbrücke hindurch, erwische ich einen weichen Schweif und dann kommt – plumps – die letzte Sohlschwelle und es ist vorbei. Der Bober hat noch einmal alles gegeben und verabschiedet uns mit einem ausklingenden Rauschen. Dieser letzte Eindruck macht unvergessen, was dieser Fluss wirklich ist – keines der vielen Wasserkraftwerke kann darüber hinwegtäuschen – der Bober ist ein wilder Fluss mit scharfen Krallen.

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