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35. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 7: Die Pforte

Die eine Hälfte der Zeit verbringen wir in den Booten und die andere auf den Staumauern.Dabei kommen wir zur frühen Nachmittagszeit einem weithin sichtbaren Höhenzug am Horizont näher. Er ist blassgrün und von brachliegenden Wiesen und Feldern bedeckt. Die Sonne spielt darauf mit Licht und Schatten.

Abschied vom Auwald

Bald darauf erreichen wir die ausgedehnte Anhöhe und der Fluss drückt sich mit einer ausschweifenden Linkskurve dicht an den Hang heran. Auf einer breiten Wasserfläche wandern wir nun dicht neben dem Berg entlang, an dessen Fuße sich Bäume aneinander reihen. Dahinter vermuten wir den Staussee vor Krossen und das Odertal. Der Fluss, wenn auch wasserarm, hat jetzt wieder annähernd das Angesicht eines Stroms. Nur ein paar Stauwerke reichen noch über die gesamte Flussbreite; später sind es nur noch Überbleibsel alter Staustufen, die einen beschleunigten Durchlass erzeugen. Der Berg neben uns schrumpft allmählich zu einem Hügel zusammen. Es ist an der Zeit sich vom Auwald zu verabschieden, der uns am linken Ufer noch ein Stück weit begleitet.

Dorfbesuch

An der Kuhweide eines nahen Dorfes legen wir eine Mittagspause ein. Diese Gelegenheit nutze ich, um meine gestrige Absicht heute zur Tat werden zu lassen, und mache mich mit unseren wenigen Zlotys auf, einen Laden zu suchen. Ich erreiche das Dorf über einen schmalen Pfad, der zwischen zwei Gartenzäunen auf eine unbefestigte Straße führt. Als ich sie betrete und mich umschaue, scheint das kleine Dorf menschenleer zu sein. Alles ist still und niemand ist zu sehen.

Wegweiser

Am Ende der Straße, sie ist dort tatsächlich zu Ende, steht ein frischgeweißtes Gutshaus. Also entscheide ich mich dafür, in die andere Richtung zu gehen. Nach hundert Metern erreiche ich eine asphaltierte Straße, die in beiden Richtungen zum Dorf hinausführt. Ich gehe ein kurzes Stück gen Osten, besinne mich aber kurz darauf und laufe zurück zu einem alten Ahornbaum, der an der Wegeskreuzung steht. Ein altes Schild dort hat mein Interesse erweckt, welches ich beim Vorbeigehen nur flüchtig wahrgenommen habe. Erst jetzt beim Zurückblicken scheint es mir doch wichtig zu sein. Nachdem ich mich unter den schattigen Baum gestellt habe, kann ich in seinem Blätterdach den Hinweis „Sklep“ erkennen, der in Polen für gewöhnlich auf einen Laden hindeutet. Ein Pfeil weist in die Straße, aus der ich eben gekommen bin.

Sklep

Beim Zurückgehen erinnere ich mich daran, dass ich vorhin zwei biertrinkende Männer auf einer Veranda vor einem unscheinbaren Backsteinhaus gesehen habe. Dort gehe ich jetzt hin und steige die Treppen zum Hauseingang empor. Die beiden Männer sitzen noch immer auf der kleinen Bank und bemühen sich darum, mich mit keinem Blick zu beachten. Wie allein stehe ich vor dem Hauseingang und kann nichts entdecken, was auf einen Laden schließen ließe. Es flattern die Streifen eines Insektenschutzes vor der Tür. Sie sind bunt und schmierig. Ich schiebe sie zur Seite und trete ein. Im Schummerlicht erkenne ich einen engen Raum mit einer Ladentheke. Eine Frau mittleren Alters steht dahinter und mustert mich mit kritischem Blick. Ihre Gesichtszüge verraten noch etwas von der jugendlichen Schönheit, die sie mit Schminke festzuhalten versucht. Aber ihr Gesicht hat schon verhärmte Züge angenommen und die Unbekümmertheit der Jugend ist aus ihrem Antlitz gewichen.

Begegnung mit einem Fremden

Hinter der Frau ragen Regale bis zur Decke hinauf, an der unzählige Fliegen wie bewegliche, schwarze Flecken umher sirren. In den Regalfächern stauen sich bergeweise bunte Verpackungen von Schokoriegeln, Waffeln und Bonbons. Der Raum wirkt angesichts der Fülle mehr hoch als breit. Demütig bitte ich um Brot, Milch, Kakao und Bier, bezahle mit der Landeswährung aus meinem kleinen Portemonnaie und verabschiede mich schnell wieder. Beim Hinausgehen scheint es mir so, als wäre die Frau hinter der Ladentheke verwundert. Diese Begegnung mit einem Fremden ist ihr vielleicht nicht geheuer, oder vielleicht erinnert sie sich auch wieder daran, dass sie einmal in einer großen Stadt unter Fremden leben wollte, stattdessen aber jetzt diesen Dorfladen mit den Männern auf der Treppe führt.

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