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33. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 6: Ankunft im Auwald

Der Nachmittag verläuft sich zwischen Paddeln und auf Staustufen Rumturnen. Bald sind wir darin so geübt, dass wir mit den Booten gefahrlos an der Kante entlang paddeln können, um die beste Stelle zum Übertragen zu finden. Bald brauchen wir auch das nicht mehr tun, denn wir erkennen nun bereits beim Heranpaddeln, wo sich der geeignetste Durchlass befindet.

Ins Land hinabsteigen

Immer mehr Staustufen sind aus Stein. Das macht vieles bequemer, weil die Füße dort angenehmen Halt finden und nicht mehr auf schmalen Holzpfeilern und weichem Reisig balancieren müssen. Mit jeder Staustufe, die wir tiefer ins Land hinabsteigen, wird der Fluss breiter. Immer öfter zieht die Sonne ihr blankes Strahlenschwert übers Wasser und taucht die Welt in grelle Farben.

Treibjagd

Als sich der Sonnenball schon gegen den Horizont neigt, packt uns überraschend der Ehrgeiz. Wir wollen noch diese und dann jene Staustufe überwinden. Immer wieder taucht eine neue Staustufe vor uns auf, die unseren Willen herausfordert. Dadurch steigert sich alles zu einem klar strukturierten Manöver, bei dem jeder seine Aufgabe hat und zügig zu verrichten weiß. Diese Jagd treibt uns an diesem Abend noch bis zum Wehr Nummer 20 ½. Ja, Nummer 20 ½! – ich habe heimlich weitergezählt. Der Zwang war immens, ich konnte mich nicht dagegen wehren und ritzte den ganzen Nachmittag imaginäre Kerben ins Paddelschaft.

Nichts Halbes, nichts Ganzes

Deshalb weiß ich auch, dass wir seit der Mittagsrast mehr als zehn Höhenmeter überwunden haben; und die ½ kommt nicht etwa daher, weil ich beim Zählen durcheinander gekommen wäre, sondern weil die letzte Staustufe dieses Tages nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Sie besteht lediglich aus einem aufgeschütteten Steinwall, der das Wasser zwar staut, es aber gleichzeitig auch zwischen seinen Felsen hindurchgleiten lässt.

Perfekter Ausstieg

Hätten wir es nicht besser gewusst, so hätten wir meinen müssen, dass es sich dabei um eine ganz normale Stromschnelle handelt, die bei mehr Wasser sicherlich befahrbar gewesen wäre. An diesem Abend aber lockt sie mit einem perfekten Ausstieg am rechten Ufer und einem idealen Lagerplatz dazu. Der besteht aus einem Streifen Wiese mit einem Weg darauf. Rundherum liegt Wald. Der verwachsene Weg führt vermutlich in das kleine Dorf, an welchem wir kurz zuvor etwas weiter stromaufwärts noch vorbeigekommen sind.

Die Nähe des Menschen

Heute Abend würde von dort wohl niemand mehr hier vorbeikommen. Also bauen wir neben dem Weg unser kleines Lager auf – nah genug neben dem Fluss, dass wir das Plätschern vom Steinwall hören können. Die Wiese ist kniehoch und macht trotzdem einen gepflegten Eindruck. Im zurückliegenden Hochsommer wurde sie vermutlich zur Heuernte genutzt. Das saftige Gras muss ein gutes Futter für den Winter abgeben. Die Nähe des Menschen ist hier zu spüren, aber sie ist keineswegs beunruhigend. Aus irgendeinem Grund erscheint uns das nahe Dorf vielmehr wie ein freundschaftlicher Nachbar, von dem wir nichts zu befürchten haben.

Kleines Lager wohlgeordnet

Am Ende des Tages liegt unser kleines Lager wohlgeordnet neben dem Fluss. Es ist fast ein wenig erwachsen geworden. Die Boote liegen in sinnvoller Anordnung neben dem Zelt, so dass jede Luke problemlos erreichbar ist. Über dem Feuer nahe der Uferböschung garen die letzten Steaks aus unserem Proviant und verbreiten einen köstlichen Duft. Die Mücken sind auch wieder da, und obwohl wir Krossen an der Oder heute nicht erreicht haben, ist die Stimmung gut. Auch der Himmel ist an diesem Abend klar und kein trüber Schatten legt sich über die Sterne.

Eine Grenze

Uns umgibt ein alter Auenwald. Auf unserer Seite sind es große alte Weiden am Rande der kultivierten Wiese, aber auf der anderen Flussseite steht eine scheinbar undurchdringliche Wand aus Bäumen und Dickicht. Im Dunkel der Nacht wirkt das geheimnisvoll und unnahbar. Es ist so, als wenn der Fluss eine Grenze zwischen menschlicher Zivilisation auf unserer Seite und Wildnis auf der anderen Seite bildet. Als wir uns später in die Schlafsäcke verkriechen, ist der Mond schon ans Firmament gestiegen und beleuchtet die feuchte Wiese mit seinem fahlen Licht, das den aufsteigenden Nebel mit alten Geistern belebt.

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