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32. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 6: Ankunft im Auwald

In der Nähe eines Dorfes machen wir Mittag. Während René und Mark im Windschatten einer Staustufe auf einer Sandbank Dosenfutter erwärmen, gehe ich ins nahe Dorf, um Brötchen und andere Lebensmittel einzukaufen. Die ersten Einwohner, die ich treffe, sind eine Kuh und eine nette, junge Familie, die am Rande des Dörfchens wohnt.

Familie mit Fiat-Polski

Auf mein Nachfragen versichern mir Mann und Frau einhellig, dass es keinen Laden in ihrem Dorf gäbe – doch im gleichen Atemzug bieten sie mir an, ihren kleinen Fiat-Polski anzuwerfen und mich zum Einkaufen in die nächstgrößere Ortschaft zu fahren. Mit soviel Hilfsbereitschaft habe ich nicht gerechnet. Allerdings hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, dieses Angebot anzunehmen, denn allein für frische Brötchen… – so dekadent ist doch kein Paddler – wäre dieser Aufwand nicht zu rechtfertigen.

Hinten aus dem Dorf hinaus

Und so lehne ich wohlwissend, dass unsere Nahrungsmittelsituation nicht akut bedrohlich ist und noch einige Konserven in den Bootsluken schlummern, vehement ab. Daraufhin habe ich große Mühe, die erneuten Aufforderungen zur Einkaufsfahrt abzuwehren. Nach einer herzlichen Verabschiedung schleiche ich mich wieder um die Kuh herum, die noch immer wiederkäuend am Wegesrand grast, nach hinten über die Wiesen aus dem Dorf hinaus.

Keine Leckerlis

Zurück bei meinen Outdoor-Köchen, die inzwischen ganze Arbeit an den Gasbrennern geleistet haben, können die es gut wegstecken, dass ich keine Leckerlis mitgebracht habe. Beim Essen denken wir über die kuriose Tatsache nach, dass wir nun auf einer Sandinsel inmitten eines kleinen Rinnsales sitzen, das kaum Ähnlichkeiten mit dem Bober vor fünf Tagen an der Stelle hat, wo wir unsere Wasserwanderung begonnen haben. Wir schauen auf die Karte, die mit einem dicken, blau geschlängelten Strich das alte Flussbett des Bobers darstellt. Das spottet jeder Wirklichkeit.

Rumtrödeln von Stufe zu Stufe

Trotzdem ist zweifelsfrei zu erkennen, dass noch eine große Strecke auf diesem fett eingezeichneten Rinnsal vor uns liegt. Dieses Rumtrödeln von Stufe zu Stufe wird noch eine Weile so weitergehen, denn der Kanal stößt laut Karte erst vor dem Staussee bei Krossen kurz vor der Flussmündung in die Oder wieder ins alte Flussbett. Bis dahin gilt es, noch viele Höhenmeter hinabzuklettern. Wir rechnen mit einem durchschnittlichen Maß von einem halben Meter pro Staustufe. Diese Pauschal-Berechnung lässt nichts Gutes für den Nachmittag hoffen. Unser Zeitplan ist endgültig dahin, doch das träge Wasser beruhigt ungemein nach den hektischen Zeiten der letzten Paddeltage. Da fällt es uns leicht, die Boote über harmlose Staustufen zu schieben.

Die große Treppe

Neue Wolken sind heraufgezogen. Kurz bevor es zu regnen beginnt, legen wir wieder ab. Es bleibt dabei – alle 500 Meter eine Staustufe. In uns kommt der Eindruck auf, dass wir eine überdimensionalen Treppe hinabsteigen, die sich mitten durchs Land zieht. Mit jeder Stufe nähern wir uns dem Höhenniveau der Oder um einen halben Meter. Das ist ein Meter pro Kilometer und anderthalb Meter pro Stunde. Da können wir sozusagen mitzählen, wann wir die Oder erreichen würden. Das hilft unsere Moral aufrechtzuerhalten.

Stufe Nummer Neun

Bald erreichen wir Staustufe Nummer Neun. Es gibt hier zwar keine nummerierten Schilder, aber René hat bis hierhin mitgezählt. Von jetzt an würde aber auch jede weitere Staustufe die Nummer Neun sein, denn keiner von uns ist bereit anzuerkennen, dass wir jetzt in den zweistelligen Bereich vordringen. So weigern wir uns vorerst, weiterzuzählen.

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