Anzeige

30. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 6: Ankunft im Auwald

Ich überprüfe die Karte, und was ich sehe, ist nicht richtig. Laut Karte gibt es zwar diesen Kanal als dünnen, fast nicht wahrnehmbaren, geraden Strich auf der Landkarte, aber der natürliche Flusslauf, der tatsächlich im Trockenen liegt, ist dick und fett in Blau mit weitläufigen Schlenkern eingezeichnet.

Hinter den Schließtoren

Auf diese Abbildung haben wir uns bisher verlassen. Die Karte ist auch nicht sonderlich alt, doch die Realität ist schon längst eine andere geworden. Nun stehen wir auf dem hohen Wall einer Kanaltrasse. Hinter den Schließtoren des Wehrs herrscht die Ruhe eines trockenen Flussbettes. Nur ein kleiner Bach am Rande des Waldes, den man ohne Mühe mit einem Sprung aus dem Stand überwinden kann, ergießt sich in das breite Flussbett des Bobers und verliert sich zwischen den Kieseln.

Im Sog des Elektrownia Woda

René und Mark geben mir mit Handzeichen zu verstehen, dass sie zu mir hinüberkommen würden. Bei mir angelangt, erzählen sie, wie ein Arbeiter vom gegenüberliegenden Wasserkraftbetrieb lebhaft auf sie eingeredet hatte. Eine Weiterfahrt auf dem Kanal würde unser blutiges Ende bedeuten, meinte er. Chancenlos würden wir vom Sog eines nahen „Elektrownia Woda“ angezogen werden, woraufhin wir zerfetzt und zerfleischt würden, wie der Arbeiter drastisch mit eindrücklichen Handbewegungen versicherte. Darauf wollen wir es nicht ankommen lassen. Damit bleibt uns nur der Weg über das trockene Flussbett.

Neue Welt

Nach einem steilen Abstieg hinter dem Wehr erreichen wir eine ungewohnt neue Welt. Halb tragend, ziehen wir die Boote im flachen Wasser hinter uns her. Immer wieder versinken wir bis zu den Knien im lockeren Sand. An unseren Beinen klebt rostbrauner Schaum, der sich auf den stehenden Wasserpfützen abgesetzt hat. Um uns herum ragen kahle Böschungswände auf. Wir haben das Gefühl, in einer leeren Badewanne festzusitzen.

Die Karte lügt

Mit jedem mühsamen Meter geraten wir weiter in ein stilles Auengebiet. Ab und zu trifft von rechts ein kleines Rinnsal auf den Fluss. Das Wasser wird davon allmählich sauberer und beginnt mit der Zeit tatsächlich wieder in ein sachtes Fließen überzugehen. Doch nichts kann darüber hinwegtrösten: Die Karte lügt und deckt eine Tragödie. Der Bober ist entmannt. Er ist gebändigt und seine Kraft wird über eine Wasserschnellstraße zu Wasserkraftturbinen abgeleitet, um von dort seine Energie in Kabeln wegzutransportieren.

Dornröschenschlaf

Hier im natürlichen Flussbett fehlt seine Kraft. Um uns herum befindet sich alles in einem Dornröschenschlaf. Die abzweigenden Altarme und die alten Auwälder sind halbtrocken und versumpft. Noch hat das Gebiet nicht seine ganze Schönheit eingebüßt, doch diese Welt beginnt schon zu welken und dürstet nach frischem Wasser. Bald würden wohl zu viele der Tage vergangen sein, an denen kein Bober ihre Lebensadern durchflutete. Der Untergang ist schon längst in Sichtweite.

< < .. > >

Mehr über den Bober

Schreib einen Kommentar

Deine Email wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert *

*
*

Du kannst auch etwas HTML benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Das Glück liegt auf der Straße.

    Die Info-Seite für Rad-, Fuß- & Wasserwanderer mit Berichten, News und Infos zu Radwegen, Wanderwegen und Wasserrouten.

    Impressum
    Zum Autor
    Presse & Kooperationen

  • Kategorien

    • Aktuelle Meldungen (23)
    • Allgemeines (1)