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24. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 5: Das Grollen in der Ferne

Unser Weg führt weiter auf dem Damm neben dem Fluss entlang. Wir ziehen den Bootswagen über eine schmale, löchrige Straße, auf deren linker Seite sich eine handvoll alter Ziegelhäuser aneinander reihen. Sie sehen alle aus wie alte Bahnhofsgebäude und sind nur dadurch zu unterscheiden, dass sie entweder mit einem verblichenen Putz versehen sind oder sich nackt in rotem Backstein zeigen.

Dunkle Stuben

Vor den Häusern steht marodes, niedriges Zaunwerk. Alles ist still und regungslos. Einige Fenster stehen offen, so dass wir in dunkle Stuben schauen können. Ihre Ausstattung ist von Haus zu Haus ähnlich; immer steht ein altes, ausladendes Sofa vor einer holzbraunen 60er-Jahre-Schrankwand und dazu hängen biedere Landschaftsgemälde an Wänden mit bemusterter Tapete.

„Van Damme vom Damm“

Plötzlich taucht ein nur mit Shorts bekleideter Muskelmann auf, läuft den Weg entlang und grußlos an uns vorbei. Dabei hat er eine versteinerte Miene wie aus einem dieser Hero-Actionfilme aufgesetzt und vermeidet es angestrengt, uns ins Gesicht zu schauen. Kaum ist „Van Damme vom Damm“ an uns vorbei, bemerken wir hinter einem Gartenzaun eine Frau. Sie ist scheinbar mittleren Alters, was wegen ihres ausgemergelten Gesichts jedoch nur schlecht zu erkennen ist. Mit ihren großen Augen wirkt sie kindlich. Sie verhält sich ganz still und beobachtet uns. Als wir näher kommen, besinnt sie sich und geht eilig Richtung Hofeingang, kehrt daraufhin aber doch zum Zaun zurück, um uns nachzuschauen. Mittlerweile sind wir am letzten Haus der kleinen Siedlung angelangt. Wir haben hier kein einziges Auto gesehen. Nur ein bisschen Federvieh rennt über den Weg. Da wird mir plötzlich klar, warum „Van Damme“ läuft und seinen Körper stählt.

Schwarzer Hund

Vor uns tut sich eine weite Wiese auf. Sie reicht bis zum Fluss hinunter, wo wir bequem einsetzen können. Also wählen wir den vom Deich herabführenden Sandweg. Unten steht ein überdachter Ziehbrunnen. Er ist ganz real, aber zugleich wirkt er so unwirklich, dass ich ihn näher betrachten muss. Er hat einen Eimer am unteren Ende der Leine und scheint des Öfteren benutzt zu werden. Das beeindruckt mich. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich einen schwarzen Hund auf dem Deich stehen. Er ist ebenso erstaunt über unsere Erscheinung und blickt neugierig zu uns herunter. Zögerlich beginnt er, den Weg herunterzutrotten. Doch er ist vorsichtig und bleibt immer wieder stehen, um uns genau zu beobachten. Er wagt sich nicht aus dem Schatten der Bäume. Aber seine Neugier hält an und er beobachtet uns, bis wir am Fluss angelangt sind.

Unterspülte Ufer

Unten finden wir ein schmales Stück Sandstrand. René ruht sich dort vom Marsch aus, während Mark und ich noch kurz Baden gehen. Nach einer kurzen Pause legen wir ab. Der Bober ist jetzt so breit, das ihn nichts mehr von einem typischen Mittellandfluss unterscheidet. Zu beiden Seiten ziehen wir an unterspülten Ufern vorbei und bis hart an die Böschung heranreichende Eichen säumen den Weg. Sie stehen schon lange hier und ihre eindrucksvollen Silhouetten zeichnen sich im Schein der Mittagssonne ab. Sie sind alle älter als das nächste Wehr, welches sich herausgeputzt mit weißem Taubenschlag am Rande einer kleinen Siedlung zeigt.

EON-Polska und Preußen-Stuck

Dort ziehen wir die Boote auf einem schmalen Deich am Betriebsgelände eines weiteren Wasserkraftwerks vorbei. Auf unserem Weg stromabwärts erklärt uns EON Polska auf großen Schildern den Fortschritt, den die Nutzung von Wasserkraft bedeutet. Wir erreichen einen Feldweg, an dessen rechter Seite ein paar Bauernhäuser mit altem preußen-typischen Stuck stehen. Wieder rennt Federvieh umher, doch keine Menschenseele ist zu sehen. Daher entscheiden wir uns ohne Anmeldung für den kürzesten Weg zum Fluss hinunter, der durch einen linkseitigen Garten führt. Dazu schieben wir die Boote durch ein enges Gartentor, das wir hinter uns wieder verschließen, und verschwinden unauffällig am anderen Ende des Gartens im Dickicht, als wären wir nie hier gewesen.

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