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17. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 4: Von Zigeunern und Mädchen

Über allem herrscht eine alte Anordnung von Straßen und Häusern. Mitten in dieser Szenerie stehen wir als Durchreisende – unbemerkt – und können das Fatale dieses Ortes spüren, wo schmucklose Neuzeit und reizvolle Vergangenheit dicht beieinander liegen.Ich empfinde dies als eine Art Metapher des Lebens, die sich hier vor uns wie ein gewaltiger Abgrund auftut.

Tagtraum

Gedankenverloren lehne ich mich etwas vor und sehe in die Tiefe: Auf dem schmalen Weg kommt eine kleine Gruppe von kleinwüchsigen Menschen heran. Sie gehen lautlos vorüber. Das Mädchen aus der Mitte der Gruppe mustert mich mit misstrauischen Blicken. Unsere Blicke begegnen sich. Sie schaut mir fest und geradewegs in die Augen und ich kann nicht wegschauen. Plötzlich ist mir so, als stehen nur wir beide uns gegenüber. Der Ausdruck ihrer Augen, den ich zuvor noch als misstrauisch deutete, scheint mir nun ein anderer zu sein. Sie lächelt spöttisch und ihre Augen fragen mich, wieso das, was ich zu wissen meine, alles sein soll auf dieser Erde – Schaue hin und erkenne, die Zeit ist mehr als ein Damals und Heute! Dann ist alles vorbei und der Abgrund schließt sich. Wieder aufwachend, sehe ich noch eine kleine Gruppe von Menschen, die sich von uns entfernt.

Alles in Allem

Für kurze Momente lugt zaghaft die Sonne zwischen den Wolken hervor. Ihre Strahlen durchbrechen den Dunstschleier und berühren die Erde. Wir ziehen die Boote abwechselnd an einer Kaimauer entlang und kommen dabei an einem verlassenen Wirtschaftsgelände vorüber. Aus den Augenwinkeln nehme ich die kahlen Mauern einer Ruine wahr. Vom Backstein blättert der Putz und Efeu klettert in die hohlen Fensterausschnitte. Es sind hohe, romanische Fenster, an die sich ein alter geschlossener Industriebau anschmiegt. Er besitzt dieselben geschwungenen Fensterbogen wie das ausgewaschene Mauerwerk des alten Schlosses, das es zweifellos einmal gewesen sein muss. Alles vermischt sich hier und findet sich in allem wieder.

Dünnes Licht

Als wir die Boote in einer steilen Sandbucht am Ende des Dorfes wieder zu Wasser lassen, meint Mark mit felsenfester Überzeugung, dass wir vorhin auf der Straße Zigeuner getroffen hätten. Ich weiß nicht, ob das so war, aber auch ich hatte etwas gesehen. Wir sind niemandem sonst begegnet in diesem Dorf. Es liegt jetzt hinter uns in einem dünnen Licht. Die durch den Nebel brechende Sonne verleiht dem Ort etwas Mystisches. Das Wasser vor uns hingegen schimmert freundlich im Licht und lädt uns zum Ablegen ein.

Grüner Dunst

Der Fluss ist unruhig und bewegt. Sein Wasser schiebt uns schnell hinaus ins Grüne. Nach einer engen Flussbiegung wird der Fluss plötzlich breit. Nebel liegt über dem Wasser und hüllt das Spiegelbild des angrenzenden Waldes in einen verwunschenen Dunst, der sich allmählich auflöst. Ruhe legt sich auf unsere Gemüter. Wir fühlen die Anspannung der letzten Tage von uns abfallen und Gelassenheit macht sich in uns breit. Ich genieße es zum ersten Mal auf dieser Tour, im Boot sitzend zu fotografieren, während wir nebeneinander hertreiben.

Klare Verhältnisse

Wir erwarten jeden Augenblick den Zufluss des Queis, der mit nahezu der gleichen Größe und Abflussmenge wie der Bober die entscheidende Wendung auf unserem Weg bringen muss, denn wir gehen davon aus, dass die doppelte Menge Wasser im Flussbett eine Entschärfung der Verhältnisse mit sich bringen wird. Der Nebel löst sich endgültig im Sonnenlicht auf und die Sicht wird klar. Wir halten aufmerksam Ausschau nach dem Nebenfluss, doch stattdessen taucht ein neues Wehr am Horizont auf.

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Mehr über den Bober

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