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12. Logbucheintrag: Schlesische Abenteuer

Wehrwölfe auf dem Bober

Tag 3: Der alte Mann und seine Stadt

Schnell sind wir wieder seetüchtig. Die Dunstwolke des Sägewerks liegt nun hinter uns und vor uns breitet sich eine heimlich schöne Landschaft aus. Sie ist, hat man sich erst einmal einen Blick für sie angewöhnt, überall hinter den hohen, vom Gras flankierten Ufern zu erkennen – Eine, nur auf den ersten Blick trostlose Heideszenerie und dazwischen versteckte Giebel und Dächer naher Dörfer; und immer wieder Bäume: alte und junge, alleinstehend oder als Gruppe.

Bildwechsel

Das Bild wechselt unerwartet. Der Fluss wird ruhig und massive Steinschüttungen als Uferbefestigung verleihen dem Bober etwas Kanalartiges. Dazu tritt ein Wald bis nahe ans rechte Ufer heran und begleitet uns durch eine langgezogene Linkskurve. Hinter der Kurve ziehen sich die Bäume zurück und Stadtgeräusche von Hektik und Unruhe dringen über kahle Wiesen zu uns herüber. Das haben wir eigentlich schon lange erwartet, denn laut Karte liegt dort die Stadt Szprotawa, wo sich der Fluss in einer entscheidenden Biegung nach Westen wendet. Wir paddeln direkt auf die blendende Abendsonne zu und aus dem gleißenden Licht tritt deutlich eine Stadt hervor, die sich zum größten Teil rechts des Flusses ausdehnt. Motorenlärm und Stimmengewirr werden deutlicher. Vom alten Sprottau ist nichts zu sehen und dort, wo sich eine weitläufige Wiese an den Ufern erstreckt, ist das Stadtgebiet von öden Plattenbauten flankiert, deren graue Wände das Innere abschirmen.

Fußnote

Der ehemalige Flusslauf des Bobers ist nur noch eine Fußnote im Stadtgefüge. Das heutige Szprotawa hat ein großes Wehr, das uns am Stadteingang empfängt. Die Fahrt ist hier vorerst zu Ende, aber die grüne Wiese am Stadtrand ermöglicht uns ein bequemes Anlanden. Zum Umtragen wählen wir den Weg über das Gelände zwischen Bober und einem abgeriegelten Nebenlauf, der vermutlich einmal der alte Hauptflusslauf des Bober war und mitten durch die Stadt führte. Heute ist der Fluss aus der Stadt verbannt und das Wasser wird am Stadtrand entlanggeleitet, wo es sich bei Hochwassern besser regulieren lässt.

Kalkulationen

Die Situation vor Ort macht uns zögerlich. Eigentlich wollen wir Szprotawa heute noch hinter uns bringen, da sonst unsere Streckenkalkulation nicht mehr aufgeht. Doch andererseits senkt sich die Sonne bereits deutlich dem Horizont entgegen und wir fürchten, dass noch ein weiteres Wehr im Stadtgebiet folgen könnte. Der damit verbundene Zeitaufwand würde uns soweit zurückwerfen, dass uns die Dunkelheit mitten in der Stadt einholen würde. Für diesen Fall wäre es besser, den nächsten Morgen auf dieser Wiese hier abzuwarten, die durch ihre inselartige Beschaffenheit die Stadt wenigstens pro forma eine Nacht lang von uns fernhalten konnte – auch wenn sie ganz real vorhanden ist und deutlich zu uns herüberlärmt.

Freundliche Blicke

Ein älterer Herr in feinem Zwirn und mit Hut soll uns bei der Entscheidungsfindung behilflich sein. Sorgfältig gekleidet und in der Abendsonne sinnend, sitzt er auf einer Bank am Rande der Wiese, als wir ihm auf dem Weg zum Wehr begegnen. Da er uns und unsere Ausrüstung bereits beim Näherkommen mit freundlichen Blicken musterte, wagen wir es, ihn mit Händen und Füßen und etwas Polnisch zu fragen, ob flussabwärts in der Stadt noch ein weiteres Wehr existiere. Ohne weiter zu überlegen verneint er sofort. Auch auf mehrmaliges Nachfragen schüttelt er immer wieder vehement mit dem Kopf. Das überzeugt uns und wir meinen, dass er Recht haben müsse.

Rückblick

Beim Abschied schaut er uns halb träumend und halb traurig nach. Vielleicht erinnert er sich plötzlich an etwas weit Zurückliegendes. In seinen Augen ist zu lesen, dass er schon lange hier ist und die alte Stadt aus einer Zeit kennt, als er selbst noch jung war und zu den Wandernden gehörte. Heute sind wir es, die wandern, und der alte Herr sitzt auf einer Bank am Ufer des Flusses und genießt den Abend.

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