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28. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 7: Ein Nachtrag

Statt alles für eine Weiterfahrt vorzubereiten, wie wir es die gesamte zurückliegende Woche taten, nehme ich jetzt das leere Boot, um es im Fluss zu waschen.Als es so nass im Wasser liegt, sieht man ihm die zerschürfte Oberfläche nicht an, die es sich in der vergangenen Woche auf der Neiße zugezogen hat. Doch alles ist wahrhaftig geschehen. Wenn man die Fingerspitzen über den Rumpf streichen lässt, dann fühlt man die Riefen, die der Fluss tief ins Boot eingraviert hat; unauslöschlich, wie in uns selbst.

Abendrot

Im letzten Tageslicht ordnen wir unser Gepäck für den Abtransport. Danach erkunden wir die nähere Umgebung. Sie ist wie ein romantisches Gemälde von einfacher Schönheit mit weiten Feldern und flachen Horizont im Abendrot. Wir beobachten vom Deich aus, wie die hereinbrechende Dunkelheit ihre Schatten auf das Land legt. Als wir zurück sind und ich gerade ein Feuer entzündet habe, schüttet sich plötzlich ein satter Sommernachtsregen über uns aus. Er bleibt und geht in ein monotones Prasseln über, welches das Rauschen des Flusses übertönt. In einem letzten Aufbäumen lodert das Feuer auf, bevor es vom Regen begraben wird. Es wird kalt. Das harte Trommeln der Tropfen besiegelt das jähe Ende unserer Tour.

Erinnerungen an einen Wintertag

Wir ziehen uns unter ein Hüttendach zurück und werden nachdenklich. Wir erinnern uns wieder daran, wo wir heute eigentlich sein wollten: Vor einer Woche war noch das Oderbruch unser Ziel gewesen, aber an diesem Abend ist es unendlich weit weg. In unser Grübeln mischt sich Wehmut. Klar hätten wir heute gerne an den weiten Ufern der Oder angelegt, doch wiederum macht uns das Unerreichte träumend von einem neuen Sommer, in dem jeder unerreichte Kilometer ein neues Abenteuer bedeutet. Mit wenig mehr als hundert Kilometer liegen wir weit hinter dem zurück, was wir geplant hatten. Es ist gerade mal die Hälfte. Doch das bedeutet, dass noch eine weitere Hälfte vor uns liegt. Es ist also kein endgültiger Abschied von der Neiße. Wir freuen uns schon in dieser Nacht auf eine Weiterfahrt mit all den Ungewissheiten und Erlebnissen. Dass die Schlauchbootverleiher eine Befahrung der Neiße mit Kajaks erst ab hier empfehlen, verdutzte uns zwar am Nachmittag etwas, doch jetzt kann es unsere Träumereien nur bekräftigen. Wo dieses Jahr ein Ende ist, da wird in einem neuen Jahr ein Anfang sein. Die Neiße lässt uns nicht los. Wie zu Beginn in jenem Winter hält sie uns noch immer fest gepackt.

Kein Abschied…

Um unser kleines Lager hat sich die Nacht gelegt. Wir sitzen im Schein des Kerzenlichts und in der Dunkelheit regiert der Regen. Es tropft Zeile um Zeile von den Sätzen und die Buchstaben quellen in der Nässe. Diese Geschichte löst sich allmählich auf. Dann auf dem Heimweg im Scheinwerferlicht wirkt das Erlebte nur noch diffus und unwirklich; ausgewaschen vom dichten Landregen. Im Düsteren liegt ein zurückgelassenes Leben. Doch das Papier wird wieder trocknen und ein neuer Sommer wird kommen, wo uns die Neiße lockt…

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