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26. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 7: Schlauchboot und Gummiwehr

Im grellen Sonnenlicht, umgeben von weitläufigen Wiesen, wirkt das abgesperrte Kraftwerk mit seiner menschenleeren Industrieatmosphäre geisterhaft, wie eine phantasierte Erscheinung, die nicht hierher gehört.Dahinter liegen die vereinzelten Häuser eines Dorfes, die wie lose in die Landschaft gestreut scheinen. Sie sind alt und wegen ihres maroden Erscheinungsbilds sehen sie wie die verlassenen Überreste aus einer anderen Zeit aus. Doch umherrennendes Federvieh verrät, dass hier noch jemand wohnen muss, der die schmale Straße nutzt. Der brüchige Asphalt führt über eine nahe Anhöhe in das eigentliche Dorf, wo sicher mehr Menschen leben. Aber hier, wo die Straße direkt am Fluss endet, sind wir allein.

Fluss im Hochsommer

An der Einsetzstelle legen gerade die letzten Schlauchritter ab, als wir uns für ein deftiges Mittagessen auf dem gemütlichen Steg niederlassen, den wir immer wieder für eine erfrischende Badeeinlage verlassen. Der Fluss ist hier schmal. Der Ausfluss der Turbinen hat den Wasserlauf auf wenige Meter verengt. Wir lassen uns das kühle Nass um unsere Füße spülen, die wir vom Steg herabbaumeln lassen. Das Wehr ist still. Kein Tropfen plätschert von der Gummiwulst. Vor uns liegt das Bild von einem „ausgetrockneten Fluss im Hochsommer“, der sich bis zum gegenüberliegenden Ufer als eine sandige Dünenlandschaft zeigt. Der Anblick stimmt uns melancholisch, denn wir können nicht die Gedanken daran verdrängen, dass wir noch heute der Neiße den Rücken zukehren werden. Den restlichen Sommer wird sie wieder ohne uns verbringen müssen, doch vor allen Dingen wir ohne sie.

Sommerfrische

Doch diese Reise soll nicht vor einem würdigen Finale in Bad Muskau enden. So zumindest machen es uns die gutgemeinten Prophezeiungen von unbedachten Schlauchbootschiffern glaubend, die meinen, dass der Weg bis Bad Muskau nicht mehr weit sei. Die Hoffnung, dass wir an diesem Tag noch die Pückler’schen Parkanlagen betreten würden, beflügelt uns darin, bald wieder tollkühn die Paddel zu schwingen, um heute noch die dafür nötigen Kilometer hinter uns zu bringen. Doch die entscheidenden Kilometer liegen noch vor uns. Mit verwegenen Mienen paddeln wir den Fluss hinunter. Über halbtrockene Stromschnellen geht es zügig vorbei an vergnügten Sonntagsbadern, die ihre nachmittägliche Sommerfrische an den hellen Stränden der Neiße verbringen. Manchmal müssen wir noch anhalten und aussteigen, um die Situation vor uns im Flussbett zu klären. Doch insgesamt lassen wir uns an diesem Nachmittag nur wenig aufhalten, zumal wir uns jetzt an den Durchfahrtskennzeichnungen in Form von provisorischen Bojen orientieren können, die nun an den kritischen Stellen für die Schlauchbootskipper angebracht sind und die geeigneten Durchfahrtsstellen anzeigen.

Am Ende unerreicht

Entspannt erreichen wir die Sammelstation von „Neißetours“, wo uns ein breites Wehr die Weiterfahrt versperrt. Inmitten der regen Betriebsamkeit von Sonntagsausflüglern legen wir an und nutzen die Gelegenheit, um uns mit den Reiseveranstaltern bekannt zu machen. Die Begegnung ist herzlich. Aber die Freude wird von einem unschönen Sachverhalt überschattet, denn die beiden Herren versichern uns, dass es völlig unmöglich sein würde, heute und zu dieser Zeit noch Bad Muskau zu erreichen. Von unserem jetzigen Standpunkt seien es noch fünfzig Kilometer Flusslauf mit sechs weiteren Wehren, die noch vor uns liegen, sagen sie. Wir wollen es nicht glauben. Nach einer kurzen Phase der Realitätsfindung wird uns klar: wir sind unserem Irrsinn und einer Falschmeldung, sozusagen einer „Ente“, auf den Leim gegangen. An den Aussagen der Veranstalter ist nicht zu zweifeln. Sie kennen ihr Revier. Mit dieser Erkenntnis löst sich unser heroisches Ziel in Enttäuschung auf. Die „Pückler’sche Landschaft“ ist noch weit entfernt, und die vor uns liegenden Wehre machen sie unerreichbar.

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