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25. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 7: Schlauchboot und Gummiwehr

Neben der Flora gibt es noch die Fauna, und die unerwartet kräftige Strömung trägt uns im nächsten Moment mitten in eine kleine faunische Katastrophe für Paddler hinein. Was ist passiert?Zwischen den baumgesäumten Ufern wagen wir eine kleine akrobatische Einlage, um jenes Schild zu fotografieren, das den östlichsten Punkt Deutschlands markiert. Als wir es sehen, sind wir schon fast daran vorbei.

Tief im Osten

Wir bremsen das Kajak, wenden und paddeln zurück. Nachdem ich kurz auf den Auslöser gedrückt habe, ich konnte in dieser Zeit nicht steuern, verschwinden wir direkt am östlichsten Punkt Deutschlands vorübergehend im ufernahen Blätterdickicht. Als wir wieder hervorkommen, entdecken wir unzählige kleine Flecken in unserem Boot, die sich bewegen. Offenbar handelt es sich um kleine Tiere, welche die günstige Gelegenheit zum Zusteigen genutzt hatten. Nach kurzer Verwunderung macht sich Entsetzen bei uns breit, denn es ist eine ganze Kompanie Zecken, die nach jahrelangem abstinenten Baumsitzen nun ihr Glück in unserem Boot sucht. Wir hingegen suchen sofort unser Heil im flachen Wasser. In akribischer Feinarbeit bemühen wir uns, die kleinen Piraten aus dem Boot herauszusammeln. Mit der lecker Blutschleckerei soll es nichts werden; alle Blinden Passagiere müssen wieder auschecken.

Eine ganz andere Spezies

Immer noch mit einem mulmigen Gefühl im Magen und einem wachsamen Auge für alles, was klein und schwarz ist, sitzen wir wieder im Boot und treiben den Fluss hinunter. Einen Flecken sammle ich noch von Renés Rücken, als wir in die Arme einer ganz anderen Spezies treiben, die wir hier nicht erwartet hätten. Es sind Sonntagskapitäne. Sie lauern uns bei einer Brücke im letzten Kehrwasser vor einer Stromschnelle auf und sitzen in üppig ausladenden Schlauchbooten, mit welchen sie es leicht mit uns aufnehmen können. Es stellt sich heraus, dass sie sich als Rafting-Touristen verstehen. Mit ihrer dümpelnden Leichtigkeit und einer unverhohlen zur Schau gestellten Abschätzigkeit angesichts unseres schmalen Kajaks provozieren sie uns zu einem Duell auf Stromschnellen.

Presswurst-Regatta

Wir paddeln in die Stromschnelle und sie schieben ihren dicken Kahn hinterher. Während wir mit vollem Körpereinsatz das Boot auf Linie halten müssen, klatschen die prallen Gummiwülste einfach nur Schwelle um Schwelle herunter, dass es ein fast lächerlicher Anblick ist. Die Sonntagspaddler haben die Verfolgung aufgenommen und folgen dicht hinter uns. Auf den ebenen Passagen zwischen den Stromschnellen sind wir jedoch im Vorteil. Zudem bieten wir den weitaus ästhetischeren Anblick, wie wir kräftig paddelnd die Presswurst-Regatta hinter uns abhängen, die träge auf dem Wasser dahintreibt. Während wir mit unserem Bootsrumpf das Wasser zerschneiden, drehen sich die rundlichen Schlauchboote mit jedem neuen Paddelschlag um die eigene Achse.

Ein Stop für alle

Nach einer längeren Hatz kommt ein Wehr. Es ist ein ganz besonderer Typus von Wehr, quasi nicht viel mehr als ein mit Wasser befüllter Gummischlauch, der, auf einem robusten Betonfundament gebettet, sich fett wie eine Armada von Schlauchbooten quer ins Flussbett presst und den Wasserstrom abriegelt. Dazu gehörte ein auf der linken deutschen Uferseite liegender Kraftwerkskomplex, der uns mit seiner weit ins Gelände ausgedehnten Umzäunung den direkten Landweg stromabwärts versperrt. Hier sind wir alle wieder gleich. Hier kommt auch kein Schlauchboot weiter.

Eine leidige Geschichte

Einen Unterschied gibt es aber doch: Wir und unser Gepäck; das ist schon die ganze zurückliegende Woche eine leidige Geschichte gewesen. Aber heute am letzten Tag haben wir unsere längste Landstrecke erreicht. Der Schweiß fließt uns in Strömen an Armen und Beinen herab, als wir uns auf einem holprigen Pfad durch die Wiesen schleppen. Die Packsäcke haben wir schon wieder zu Haufen portioniert im Gelände verteilt, als wir unser sperrigstes Mitbringsel, das Boot, hinterher tragen. Gerade in dem Moment, als wir in einer Geste der Erschöpfung verharren, überholt uns das lautstarke Rudel von Sonntagskapitänen, die mit ihren Schlauchbooten an der Hand an uns vorbeischlendern. Mit ihrer Tagesration Keks im Brotbeutel sind sie jetzt wieder klar im Vorteil. Wir lassen sie kampflos ziehen. Unser Ehrgeiz ist bei 400 Metern Landgang in der brütenden Mittagshitze weich geworden.

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