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24. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 7: Schlauchboot und Gummiwehr

Der letzte Tag hat bereits begonnen und der Wind sich längst wieder hinter die fernen Berge verzogen. Die Sonne herrscht wieder über das Land. Heute hat sich auch schon die Grenzpatrouille an uns gewöhnt. Gut gelaunt spaziert sie an uns vorbei und wünscht das erste Mal nicht, unsere Pässe zu sehen. Stattdessen wünschen uns die beiden Herren einen guten Tag. Verblüfft sehen wir den beiden Beamten nach. Wie sie so am Flussufer entlang schlendern, möchte man meinen, dass sie nur ihren Hund ausführen, der neben ihnen an der Leine läuft. Unsere Anwesenheit scheint hier nichts Bedrohliches mehr zu sein. Paddler am Grenzfluss sind selbstverständlich und stören hier nicht weiter.

Kein Aufwand mehr

Heute ist selbst das Einpacken kein großer Aufwand mehr. Der Kahn liegt noch angeleint im Flussbett, wie wir ihn am Vorabend platziert hatten. Viel Proviant zum Verladen ist nicht übriggeblieben. Alles geht uns an diesem Morgen leicht von der Hand. Aber trotz dieser Leichtigkeit bleiben wir unserer Tradition treu und gondeln erst am späten Vormittag wieder auf dem Wasser. Vor uns liegt nun ein enger Fluss. In der schnellen Strömung fordern Baumhindernisse unsere ganze Aufmerksamkeit. Das Land ist endgültig weit geworden. Es erstreckt sich hinter einer ausholenden Flussbiegung bis weit an den Horizont.

Eine Mauer

Am unteren Ende der Kurve wird unser Blick durch eine Steinwand am linken Ufer begrenzt, die bis ans Wasser heranreicht. Obwohl der Fluss rechts weiterführt, ahnen wir Probleme und steigen auf den glitschigen Steinen aus. Als wir uns aufrichten und umschauen, sehen wir, dass wir auf der Krone einer massiven Wehrmauer stehen. Auf der Wasserseite schabt unser Boot an den Steinen in modrigem Schlamm und auf der anderen Seite starren wir in eine metertiefe Leere, dass uns schwindlig wird. Unser Abbild spiegelt sich in einer pfützenartigen Wasserlache jenseits der Mauer wider. Dahinter ist nichts, außer ein wilder grüner Schilfwald zu sehen, aus dem vereinzelte, gelbe Sandflächen hervorstrahlen.

Knifflige Sache

Wir schauen fragend auf das breite ausgetrocknete Flussbett vor uns. Dann entdecken wir rechts am Ende der Mauer ein kleines Generator-Häuschen, an dessen Unterseite ein bescheidener Wasserlauf hervorsprudelt. Dieses klägliche Rinnsal kann aber nicht alles sein, was hier von der Neiße übrigbleibt. Also steigen wir wieder ins Boot und suchen das restliche Wasser. Wir paddeln in den rechts weiterführenden Flusslauf. Weiter im Landesinneren hinter einer weiteren Flussbiegung wird allmählich das Rauschen eines Wehrs hörbar. Dort dürfen wir jedoch nicht offiziell anlegen, da beide Flussufer zum polnischen Staatsgebiet gehören. Das macht die Sache knifflig.

Umständliche Meisterstücke

Also paddeln wir zurück zum stillgelegten Trocken-Wehr, um dort auf der schmalen Mauerkrone unseren Abstieg an der Steinwand vorzubereiten. Dazu müssen wir viele Gepäckstücke ausladen und umständlich einzeln über die steile Uferbegrenzung nach unten tragen. Daraufhin ist auch das Boot leicht genug für den Transport nach unten. Nach ein paar spannenden Minuten liegt es ruhig im abgestandenen Unterwasser des Wehrs und kann wieder beladen werden. Ein kleines alpines Meisterstück ist uns geglückt.

Blütenmeer und Pflanzenteppich

Nun befinden wir uns wieder auf dem Wasser. Noch verhindern ein paar Stauungen unterhalb des Generatorhäuschens unsere zügige Weiterfahrt. Es sind jedoch nur geringe Höhenunterschiede, die wir mit einfachem Drücken und Rücken des Bootes überwinden können. Kaum sitzen wir daraufhin wieder richtig im Boot, geraten wir in einen dichten Blütenteppich, der auf dem Wasser schwimmt und uns sanft aber bestimmend festhält. Das Wasser strömt leise durch die eng verschlungenen Pflanzenfasern, vorbei an Tausenden weißen Farbtupfern, die den Fluss schmücken. Das Blütenmeer reicht über die gesamte Flussbreite und das Wasser verwirbelt sich darin in unzähligen kleinen Strudeln, die in der Mittagssonne ein Funkeln und Glitzern um uns herum erzeugen. Das Schlingengewirr der Pflanzen erzeugt kleine Schwellen im Wasser, auf denen wir langsam und zeitlupengleich weich gebettet von einer natürlichen Stauung zur nächsten treiben. An den Stellen, wo der Pflanzenteppich etwas dünner ist, beschleunigt die Strömung für einen kurzen Moment die Fahrt, um uns kurz darauf in das nächste bremsende Pflanzenknäuel zu schieben. Auf diese sanfte Art und Weise reiten wir in gleichmäßigen Schüben das Gefälle ab, bis wir zur nächsten Flussbiegung gelangen. Dort verengt sich das Flussbett und der Schatten der ufernahen Bäume unterbricht den schlingernden Blütenteppich. Nun haben wir wieder freie Fahrt und schießen auf klarem Wasser an baumbewachsenen Ufern vorbei durch ein Wechselspiel aus Licht und Schatten.

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