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23. Logbucheintrag – Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 6: Ins Stadtleben

Wir sind erst wenige Kilometer aus der Stadt hinaus und die Sonne steht schon tief, als wir unerwartet auf ein sechstes Wehr an diesem Tag stoßen. Erstmals wird hier der Fluss für ein deutsches Wasserkraftwerk angestaut. Das ist durchaus selten.

Unter argwöhnischen Blicken

Doch auch ein Wasserkraftwerk auf deutscher Seite macht dem Paddler Arbeit, und so ist wieder, ähnlich wie am Vorabend, zum Tagesausklang unsere Initiative gefordert. Darin sind wir nun bereits geübt und lassen uns nicht weiter von einem verbauten Ufer aufhalten. Unter den argwöhnischen Blicken einiger Angler tragen wir das Boot über eine Schutthalde ans untere Ufer hinter dem Wehr. Mehr als ein paar rot in der Abendsonne leuchtende Ziegel und das Generatorenhäuschen sind von der Zivilisation hier draußen nicht geblieben. Wir verschwinden im dämmrigen Zwielicht der engen Flussmäander und lassen die mürrischen Angler zurück.

Ein Zelt, ein Thron

Nach einer kurzen Fahrt finden wir hinter einer Flussbiegung unseren heutigen Lagerplatz direkt an einer ausgedehnten Schotterbank. Wir ziehen das Boot auf die hellen, blankgewaschenen Kiesel. Auf einer weithin gemähten Wiese hinter dem Fluss ziehen die letzten Sonnenstrahlen über die freie Flur. In der Nähe schimmern die Gebäude einer kleinen Siedlung am Rande der Neißeniederung. Unser Zelt stellen wir entgegen unserer Gewohnheit diesmal oben auf der höhergelegenen Uferböschung auf. Das diesig-schwüle Wetter an diesem Abend und die Erfahrungen der letzten Nacht haben unser Misstrauen gegen Schlafplätze im Flussbett geweckt. Das Boot lassen wir jedoch unten auf dem Schotter liegen und vertäuen es sorgfältig am Zelt, das fast majestätisch über der Flussbiegung thront.

Abendliche Rituale

Das nahende Gewitter kann uns nicht vom obligatorischen Abendbad abhalten. Als wir uns schon wieder abtrocknen, kommt ein mittelgroßer Hund aus dem Dorf herangetrottet. Ohne weiter Notiz von uns zu nehmen, läuft er an uns vorbei und springt ins Wasser. Wir wundern uns noch darüber, als kurz darauf am Ufer ein Junge erscheint, der offensichtlich zum Hund gehört. Das Tier schwimmt unterdessen mehrmals seine Bahnen von einem Ufer zum anderen und ist ganz ins Baden vertieft. Der routinierte Ablauf des Ganzen unter der Obhut seines Herrchens lässt erahnen, dass es sich hierbei um ein allabendliches Ritual handelt, bei dem unsere Anwesenheit heute die einzige Abweichung ist. Da wir den Ablauf jedoch nicht sonderlich behindern, scheinen wir dem wortlosen Jungen nicht weiter aufzufallen.

Gefühl eines Fazits

Wieder alleine, halten wir neben unserem Zelt das Abendessen ab. Die Kost fällt heute bescheidener als sonst aus – es gibt Suppe und Schokoriegel. Für einen größeren Aufwand sind wir an diesem Abend zu erschöpft. Wir fühlen die Anstrengungen eines erlebnisreichen Tages und von sechs Wehren in unseren Knochen. Aber noch etwas anderes macht uns schläfrig: Der weiche, grasbewachsene Boden unter unseren Füssen fühlt sich so unendlich anders an, als das schroffe Land hinter uns. Auf dem samtigen Untergrund spüren wir plötzlich die spitzen Steine und den harten Boden der zurückliegenden Strecke, die wie ein nachlassender Phantomschmerz von uns abfallen. Jeder gemachte Schritt hat sich auf unseren Fußsohlen eingebrannt. Mit unseren nackten Füssen haben wir ein Land bereist und intensiver erfühlt, als wir das je zuvor getan hatten. Dieser letzte Abend ist das Gefühl eines Fazits. Alles was jetzt noch vor uns liegt, scheint nicht mehr als ein Heimspiel zu sein, ein letzter Akt, den man nur noch so durchspielt, bevor es wieder nach Hause geht.

Wind streichelt übers Zelt

Über uns hat sich ein grauer Nachthimmel ausgebreitet und um uns herum setzt sich die drückende Abendschwüle, die immer öfter von einer frischen Brise aufgelockert wird. Noch ein Bier, dann soll Schluss für heute sein. Schnell noch Zähneputzen, dann umfallen und schlafen. Nun streicht nur noch der von weit her gekommene Wind übers Zelt und streichelt uns in tiefe Träume. Die Träume werden wirr und dann schreckt uns die Zeltdecke aus dem Schlaf, die unsere Nasen berührt, weil sie von fauchenden Windböen niedergedrückt wird. Wir sind für einen kurzen Moment orientierungslos und begreifen nicht, was um uns herum geschieht. Dann stolpert jemand von uns im Sturmgetöse raus ins weite Feld und sammelt schlaftrunken die lose herumliegenden Sachen ein. Am nächsten Morgen werden wir nicht mehr wissen, wer von uns so geistesgegenwärtig handelte, während der andere im Zelt weiterdöste und es damit am Boden hielt.

Sturm

Sturm am Rande einer weiten Wiese. Zwischen uns und den Naturgewalten nur die flatternde Zelthaut, die sich schützend wie ein zartes Negligé über uns windet und biegt. Wir sind zu müde und schlafen trotz des Wetterschauspiels sofort wieder ein. Im Erschöpfungsschlaf wird jeder Sturm leise.

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