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22. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 6: Ins Stadtleben

Das Wasser trägt uns schnell in die alte Stadt, die uns von nun an auf beiden Seiten der Neiße begleitet. Das Flussbett ist komfortabel und das Wasser wird allmählich tiefer. Das ist ein eindeutiges Indiz für das nächste Wehr und es ist klar, dass eine historische Stadt wie Görlitz mehr als nur ein Wehr zu bieten hat.

Mehr als nur ein Wehr

In der Altstadt an einer ehemaligen Wassermühle mit Wehr angelangt, schwitzen wir schon wieder. Die herabsteigende Sonne brennt weiterhin so heiß wie schon den ganzen Tag. Dazu kommt nun ein Deutsch-Polnisches Straßenfest, das direkt an der neuen Stadtbrücke stattfindet, die seit kurzem wieder beide Stadtteile miteinander verbindet. Die Einwohner hatten sich für diese grenzüberschreitende Verbindung eingesetzt. Heute zelebriert Görlitz und Zgorzelec diese neue Einheit und das gemischte Publikum genießt die wiedergewonnene Freiheit sichtlich. Während die älteren Besucher in gediegener Garderobe am Neißeufer flanieren, wippt ein bunter Reigen verschiedenster Jungmenschen in einvernehmlicher Geselligkeit im Takt von Ska-Musik.

Landgang

Zuerst verunsichern uns die zahlreichen Uniformen. Doch die scheinen zum Grenzübergang zu gehören und so wagen wir einen Landgang. Der Alte scheint recht zu behalten. Anders als wir erwarten, nimmt niemand von uns Notiz. Man lässt uns gewähren und beachtet uns nicht einmal in besonderem Maße, wie es sonst gelegentlich in der Fußgängerzone bei abgehalfterten Vagabunden mit Kajak im Schlepptau üblich ist. Plötzlich scheint es egal zu sein, ob wir hier paddeln oder nicht. Wir sind nicht mehr verdächtig. Hätten wir uns ohne Boot und Packsäcke unters Volk begeben, so wären wir vermutlich nicht einmal aufgefallen. Unser sonderbares Treiben wird toleriert. Während wir angestrengt unseren Kram über den Platz tragen, herrscht eine entspannte Atmosphäre um uns herum. Dazu veranstaltet eine polnische Band gerade ein Ska-Spektakel auf der Bühne, das lautstark herüberschallt. Unsere Ohren sind Stilleres von den letzten Tagen gewöhnt.

Klares Ziel

Trotz eines klaren Ziels, wir wollten weiter stromabwärts am Wehr vorbei, brauchen wir eine Weile, um zu begreifen, dass der Weg nur über ein vollbesetztes Cafe an der alten Wassermühle führt. Wir schauen hier und da und tippeln noch etwas in diese und jene Richtung, aber letztendlich bleiben wir vor dem Cafe stehen. Wo früher einmal ein Mühlenrad klapperte und Müllergesellen ihre staubige Arbeit verrichteten, tummelt sich an diesem lauten Nachmittag eine Unmenge von vergnügungswütigen Wochenendtouristen, die sich zum kollektiven Kaffeerausch bei Kuchen und Sahnetorte versammelt haben.

Strandpartyinsel

Wir bekommen Angst, doch die Cafe-Betreiber geben sich auf unser Nachfragen hin überraschend entspannt und segnen unser Vorhaben mit einem lockeren „Okay“ ab. Die Gäste und ihre emsigen Bedienungen hingegen wirken etwas verschreckt, als wir unser bizarres Treiben beginnen. Zur Eingewöhnung schleppen wir zuerst das Gepäck zwischen den Tischen hindurch zur Treppe hinunter. Das untere Ufer ist als eine Art Strandpartyinsel angelegt, die eingebettet zwischen dem Flusslauf und dem alten Mühlengraben liegt. Dort häufen wir nach und nach unser Gepäck an. Kaum hat sich die erste Verunsicherung der Gäste wieder gelegt, beginnen wir die Blumentöpfe von der Treppenbegrenzung abzuräumen. Das sorgt unter den Gästen für erneute Beunruhigung. Als wir daraufhin mit unserem grünen Fünf-Meter-Ungetüm die Terrasse betreten, verstummt die belebte Sonntagsidylle und wir schauen in entsetzte Gesichter. Für einen kurzen Moment scheint der vielstimmige Redeschwall über dem Cafe zu versiegen. Angesichts unseres entschlossenen Auftretens räumen diejenigen, die sich in unmittelbarer Gefahr wähnen, nach dieser Schrecksekunde ihre Sitzplätze und geben die Terrasse frei.

Stadtleben: Ausklang

Nachdem wir uns über ein paar Tische hinweg schnell über die Treppe nach unten zurückgezogen haben, vernehmen wir hinter uns schon wieder das einsetzende Kaffeegeplauder. Uns folgen lediglich noch ein paar argwöhnische Blicke von Gästen, die Sorge vor einer erneuten Störung haben. Doch auch die Misstrauischsten unter ihnen stimmen bald wieder ins allgemeine Gemurmel ein. Glücklich über den glimpflichen Ausgang dieser Episode, freuen wir uns über unsere eigene, wiedergewonnene Freiheit auf dem kleinen Stück Party-Strand. Zwischen Sonnenschirmen und Liegestühlen bereiten wir uns auf die Weiterfahrt vor. Noch bevor die Sonne rechts hinter dem Kirchenbau versinkt, können wir wieder ablegen. Den Tag und das Stadtleben lassen wir auf dem Wasser ausklingen. So wie wir gekommen sind, verschwinden wir wieder. Leise und unbemerkt reisen wir weiter. Über etliche Untiefen schrammend, treibt unser kleines, grünes Boot aus Görlitz hinaus.

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