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21. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 6: Ins Stadtleben

Die „Perle der Lausitz“ nimmt uns ganz unvermittelt in Empfang. Gerade folgen wir noch einem engen Wasserlauf und wähnen uns in wilder Natur, als der träg gewordene Fluss in einer weit ausholenden Flussbiegung Veränderungen ankündigt.

Wehr Nummer 4

Im letzten Drittel der Kurve öffnet sich ganz unerwartet der Blick auf das Görlitzer Aquädukt. Das ragt vor uns wie ein Tor in den Himmel. Von Bäumen eingerahmt, schwingt es sich in engen, hohen Bögen über den breitgewordenen Fluss. Dicht am linken Ufer passieren wir das Bauwerk. Kaum sind wir darunter hindurch, hören wir die nahen Verkehrsgeräusche einer Straße und sehen dem Wehr Nummer Vier dieses Tages entgegen.

Schöne Wehre

Zu unserer Freude hat eine Stadt wie Görlitz aber nur schöne Wehre, wie dieses zum Beispiel, das sich vor uns am Ende der weit ausholenden Flusskrümmung präsentiert. Es ist eine Art „Fächerwehr“, das seinem fiktiven Namen dadurch gerecht wird, dass es sich ganz real mittels regelmäßig gesetzter Balken dem Wasser entgegensetzt, das hier mit ganzer Wucht auf den Hang der Stadt zuströmt. Das Wasser wird durch die hölzernen Stämme in seiner Kraft gedämpft und verliert sich zwischen diesen sogenannten Fächern. Dieser Juli ist jedoch zu wasserarm, um dieses Schauspiel eindrucksvoll zu demonstrieren. Der Fluss bringt am unteren Ende des Wehrs nur ein bescheidenes Plätschern hervor, wodurch das imposante Bollwerk etwas komisch und überdimensioniert wirkt.

Hoffnung

In Görlitz verbringen wir einen sonnigen Nachmittag. Wir betreten einen schattigen Steg unterhalb des Berghangs, an dem Bäume bis ins Wasser reichen. Weiter oben führt der Oder-Neiße-Fernradweg in die Stadt. Nachdem wir uns kurz mit dem Gelände vertraut gemacht haben, legen wir in der angenehmen Gesellschaft von zwei Anglern eine späte Mittagspause ein. Während wir Fisch aus der Büchse essen, zeigt der angelnde Großvater seinem Enkel, wie man fachgerecht zu frischen Fischen kommt. Mit etwas unbeholfenen Bemühungen versucht der Junge es dem erfahrenen Mann nachzutun. Nebenher berichtet uns der munter gewordene Alte davon, wie schön einfach seit kurzem wieder alles an der Neiße wäre. Zum Nachtangeln ist nun nur noch eine telefonische Anmeldung beim Bundesgrenzschutz nötig. In Erinnerung an unsere Erlebnisse in den letzten Tagen mit unserer schriftlichen Genehmigung müssen wir darüber lächeln, denn bisher haben wir auf unserer Reise von einer solchen lockeren und ungezwungenen Umgangsweise mit dem Grenzfluss nichts gespürt. Doch das Erzählte macht uns Hoffnungen.

Plumps und weg!

Während wir hungrig essen, suchen unsere Augen die Umgebung ab. Unsere Blicke können es nicht lassen, immer wieder flussabwärts auf das gewaltige Wehr zu schielen. Dabei reift in uns ein Plan: Es muss doch möglich sein, ähnlich wie beim vorherigen Wehr, das Boot mit Sack und Pack einfach über die Wehrkrone zu schleifen, und dann plumps und weg! Kaum haben wir diese Idee ausgesprochen, sind wir uns darüber einig, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Wir verabschieden uns bald und legen wieder ab, was der Alte mit einem verwunderten Gesichtsausdruck kommentiert. Doch er wagt es nicht zu fragen, was wir jetzt vorhaben. Stattdessen schaut er uns stumm nach und beobachtet uns kurz darauf, wie wir auf der Wehrkrone sitzen und uns im friedlich plätschernden Wasser mit einem kühlen Sitzbad erfrischen. Dann schliddern wir mit dem Boot auf dem glitschigen Untergrund bis an die Sturzkante, und plumps, einen Augenblick später sind wir verschwunden und nicht mehr zu sehen.

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