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20. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 6: Ins Stadtleben

Die Mittagssonne brennt auf unsere Schädel. Trotzdem versuchen wir zu überlegen. Wir finden keinen vernünftigen Einstieg am Unterlauf. Von „komfortabel“ stand auch nichts im Reiseprospekt. Also steige ich mit dem Boot in den auslaufenden Schweif am unteren Ende des Wehrs.

Im Kochtopf

Es fühlt sich an wie in einem Kochtopf, oder wie etwas, was sich eben so anfühlt. Um mich herum zerrt und gurgelt das Wasser. Doch es ist kalt und zieht mir allmählich die Wärme aus den Beinen. Meine Füße werden taub und ich fühle die zerkratzten Beine nicht mehr, die eben noch brannten, als wir uns durchs Dickicht kämpften. Während René unsere Sachen heranschafft, halte ich das Boot fest und verstaue das Gepäck. Immer wieder will mir die Strömung in unaufmerksamen Momenten das Boot entreißen. Erst als René im Boot sitzt und ich wie ein Bobfahrer in meine Sitzluke springe, legen wir mit einem zügigen Manöver ab und stoßen uns aus der Stromschnelle.

Strandleben

Außerhalb der Turbulenzen lockt uns auf der gegenüberliegenden Seite eine Sandbank. Sie ist lang und von feinem, hellen Sand, den das Kehrwasser des Wehrs dort abgelegt hat. Uns erwarten fünfzehn Meter exquisites Strandleben, direkt vor unserem Bug. Das ist lang genug. Wir können nicht widerstehen und legen an. Unsere anfänglichen Bedenken wegen dieser Grenzsache verfliegen schnell, zumal sich dieser Sand nicht auf polnischem Festland befindet, sondern zum Flussbett gehört. Es ist ein Strand zwischen den Grenzen. Seine Oberfläche ist geschmeidig und weicher Sand brennt unter unseren Füßen.

Ein großer Whirlpool

Wir springen ins tiefe Wasser unterhalb des Wehrs. Das Wasser brodelt wie in einem großen Whirlpool. Unsere Sinne erfrischen sich und unser Verstand kehrt zurück. Als wir daraufhin nass und triefend auf dem Fluss treiben, holt uns die Hitze wieder ein. Das Flussbett ist frei. Wir essen und gleiten dabei lautlos an vielen Buschweiden vorbei, die wie Tupfer den Flusslauf säumen. Dahinter befindet sich nur verdorrte Heide und manchmal in einiger Entfernung der vereinzelte Ausläufer eines Waldes, der von den Hängen der Lausitz herunterreicht. Aus den Hügeln werden Berge, die bald darauf wieder nah an den Fluss heranreichen.

Kunststückchen

Wir erreichen einen stillen Ort, wo sich Laubenpieper den heißen Nachmittag am Wasser vertreiben. Sie sagen uns, dass wir hier einen Vorort von Görlitz erreicht haben und halten weiter Siesta, ohne dass wir sie stören könnten. Am Ortsausgang finden wir unser drittes Wehr des Tages. Dabei handelt es sich vielmehr um einen ganzen Wehrkomplex, der aus mehreren Staubauten besteht, die den Fluss aufteilen und in mehreren Abzweigungen wegführen. Wir wählen den größten Wasserlauf, der geradeaus abfließt. Er besitzt das höchste Gefälle von allen Staustufen. Das spricht für ihn, ohne das Unterfangen leichter zu machen. Ein durch Holzbohlen regulierter Durchlass im Wehr lässt jedoch eine zügige Abfertigung erwarten, wenn wir es ein wenig akrobatisch beim Umtragen anstellen würden. Wir hieven das nicht mehr ganz voll beladene Boot Stück für Stück über die aufgequollenen Bohlen, damit es René unten in Empfang nehmen kann, während ich es von oben langsam herabseile. Unser kleines Kunststückchen verläuft planmäßig und wir sparen wertvolle Zeit, die wir in der nächsten Stadt brauchen werden. Görlitz erwartet uns.

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