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19. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 6: Ins Stadtleben

Am Morgen fühlen wir uns noch knautschig, aber die Schlafsäcke sind wenigstens trocken geblieben und der blaue Himmel lockt mit einem neuen Tag, der wohl besser als die zurückliegende Nacht sein würde. Noch müde, arrangieren wir das Frühstück auf dem feuchten Boden unserer kleinen Insel. Währenddessen steigt die Lufttemperatur und der Wasserstand sinkt.

Wie grobes Seemannsgarn

Nutellabrote holen uns zurück ins Leben. Nach dem Frühstück, wir sind noch nicht ganz fertig mit dem Beladen des Boots, liegen unsere kleinen Pegelmessstationen, die wir in der Nacht zuvor eingerichtet hatten, schon wieder im Trockenen. Bald ist der Pegel auf das Niveau des Vorabends zurückgefallen. Fast müssen wir nun das Boot dem Wasser noch hinterher tragen. Wären wir jetzt erst erwacht, hätten wir wohl nicht mehr als einen schlechten Traum vermutet, so unwirklich wie grobes Seemannsgarn wirken unsere nächtlichen Erlebnisse bereits wieder angesichts des seichten Flusses. Als wir ablegen, lassen wir wieder eine einladende Sandbank hinter uns, die noch größer ist als jene, die wir am Vorabend entdeckt hatten. Mit ihrer unschuldigen Schönheit kann sie jetzt die nächsten ahnungslosen Paddler anlocken.

Die nächste Erlebniskarte

Mit jedem Meter auf dem Wasser gewinnen wir Abstand zum Erlebten. Allerdings haben wir bereits die nächste Erlebniskarte gezogen. Eine weitere Episode in diesem Abenteuerspiel erwartet uns schon sehr bald hinter einer unscheinbaren Rechtskurve. Wieder scheint es sich um eine klassische Standardsituation zu handeln: ein Wehr. Die Bedingungen sind diesmal jedoch nicht eindeutig. Ein Durchlass führt zwar ausreichend Wasser und scheint auf den ersten Blick eine Befahrung zu rechtfertigen – Es gibt jedoch nur eine schmale Ideallinie zwischen den scharfkantigen Spundwänden, die wie für uns abgemessen ist und keinen Fehler verzeiht, wenn wir nicht präzise genau in den einschüchternd wuchtigen Schweif eintauchen.

Ratespiel

Was wir zuerst als eine Geschicklichkeitsaufgabe auffassen, wird schnell zu einem Ratespiel. Nachdem die Begutachtung vom Ufer aus eine einzigmögliche Befahrungslinie ergab, bleibt uns auf dem Wasser plötzlich als einzige Orientierungshilfe nur der geschätzte Abstand zum Ufer, denn mehr ist vom Boot aus nicht zu sehen, als wir auf die tosende Stelle zutreiben. Für eine Umkehr ist es bereits zu spät. Die Strömung hat uns fest im Griff. René sitzt vorne und ruft mir Steueranweisungen zu. Er schätzt die Situation gut ein und navigiert uns zur richtigen Stelle an der Sturzkante. Das Boot kippt nach vorne, mit Paddelschlägen halte ich es gerade, und wir schießen abwärts. Im nächsten Augenblick reiten wir auf einem tosenden Schweif und jubeln.

Dasselbe Wehr

Unser Wagemut wird an diesem Vormittag mit einer längeren hindernisfreien Flussstrecke belohnt. Erst pünktlich zum Mittagessen erreichen wir ein knackiges Doppelwehr, wo zwei aufeinander folgende Schwellen das Wasser verschlucken und unterhalb des Wehrs als Walze ausspuken. Sofort ist uns klar, dass hier nichts befahrbar ist. Keinerlei Kanu-Komfort, den wir auch nicht am Ufer finden. Das hält ganz andere Herausforderungen für uns bereit: einen kleinen Geländetriathlon. Der beginnt mit Gepäckweitwurf. Als das Gepäck sicher auf der Böschung liegt, kommt das Klettern an einer steilen Uferwand. Als auch das mit der Hilfe von Seilen gemeistert ist, bildet der Wegebau durch meterhohe Wildnis die Schlussetappe. Das alles sind Disziplinen, in denen wir uns diese Woche schon üben durften, und irgendwie ist alles genauso wie gestern Mittag. Selbst das Wehr, gelegen in einer Linkskurve, und die Einöde ringsherum, erinnern an das Erlebte von gestern. Es ist fast ein bisschen wie bei Kafka, und wir werden den Eindruck nicht los, dass wir uns im Kreis bewegen.

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