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18. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Nacht-Spezial: Eine nasskalte Nacht

Ein letzter Blick aufs Wasser: Der Fluss ist nahe, fast irgendwie näher! Träge richten wir uns auf und schauen uns irritiert um. Die Umgebung bestätigt diesen Eindruck: Wir sind näher an den Rand der Sandbank gerückt. Die Fußenden unserer Schlafsäcke trennt nur noch ein schmaler Schotterstreifen vom Wasser.

Allmählich registrieren wir, dass nicht wir, sondern das Wasser näher gekommen sein muss. Es ist also gestiegen. Langsam wird uns klar, dass sich ein nächtlicher Badespaß ankündigt. Den wollen wir nicht haben. Müde wie die Murmeltiere und wenig abenteuerlustig starren wir auf die Wasserfläche und mit jedem Zentimeter, den das Wasser steigt, müssen wir uns damit abfinden, dass unsere Stellung nicht zu halten ist. Wir werden handeln müssen!

Halluzinieren

Zögerlich und noch etwas unwillig tauschen wir das Nachthemd gegen unsere steifen Sachen. Das allein kann uns noch nicht munter machen. Also geht die Bequemlichkeit noch einmal vor und wir wollen zuerst einmal feststellen, ob unsere derzeitige Position wirklich ernsthaft gefährdet sei. Zu diesem Zweck markieren wir den Wasserstand mit Steinen und Hölzern, um uns daraufhin schnell wieder in unsere kuscheligen Schlafsäcke einzurollen und die Entwicklung an unserer provisorischen Pegelanlage zu beobachten. Zuerst meinen wir zu Halluzinieren – die Müdigkeit macht uns eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Einbildung schwierig – doch alle Hoffnung ist vergeblich. Das Wasser überschwemmt tatsächlich die Pegel. Zuletzt verhelfen uns die abschwimmenden Reste unseres abendlichen Lagerfeuers schnell zu der Einsicht, dass wir nun wirklich den Platz räumen sollten, den die Neiße zurückfordert.

Eine Insel!?

Wir stecken neue Pegel ab und sichern das Boot mit der Leine. Daraufhin verstauen wir alles lose Herumliegende in den Ladeluken und reduzieren unsere Schlafstatt auf das Nötigste. Dadurch lässt es sich leichter auf den höchsten Punkt der Insel schaffen. Eine Insel!? Was ursprünglich eine ganz normale Sandbank gewesen war, ist jetzt schon fast gänzlich von Wasser umspült. Wir haben uns vom Ufer gelöst, zu dem wir jetzt dümmlich herüberschauen. Unsere Gesichter müssen in diesem Augenblick ungefähr so aussehen, wie das von diesem berühmten Gärtner, der im Augenblick des Falls begreift, dass er an dem Ast sägte, auf dem er saß.

Angst

Darüber erreicht mich ein plötzlicher Anfall von Angst. Ich springe zum Ufer und klettere mit Renés Hilfe auf die Zwei-Meter-Uferkante, um mich dort anschließend energisch mit dem Paddel durch dichtes Ufergestrüpp zu schlagen. Als eine dunkle zehn Meter breite Wand aus Dickicht hinter mir liegt, erreiche ich ein freies Feld, auf dem der ausgebreitete Mondschein liegt. Dieser Anblick ist eine Erlösung: Nichts begrenzt die freie Sicht und das zartblasse Licht wirkt beruhigend auf mich. Die Schatten liegen hinter mir und ich kenne nun eine halbwegs passable Rückzugsmöglichkeit. Ich bin erleichtert. Und wenn der Kahn an der Böschung nicht hochzukriegen wäre, so können wir immerhin noch paddeln.

Nachtwache

Mit dieser Gewissheit richten wir es uns auf dem höchsten Punkt der Insel ein und warten auf das Zeichen zum endgültigen Aufbruch. Noch hoffen wir auf Verschonung. Wir halten abwechselnd Wache und lesen im Licht der Taschenlampe alle zwanzig Minuten die aufgestellten Pegel ab, die nacheinander vom Wasser eingesammelt werden. Anhand der Ergebnisse errechnen wir immer neue hypothetische Wasserstände – die Tendenz bleibt steigend. Als dann die Anstiegswerte tatsächlich kleiner ausfallen, verhält es sich ähnlich mit unserem von Müdigkeit geplagten Verstand. Die weiteren Berechnungen werden diffus und es ist nicht mehr klar, inwieweit unsere Hoffnungen das Ergebnis beeinflussen. Präzise Vorraussagen gelingen uns nicht.

Endlich Schlafen

Erst gegen vier Uhr morgens scheint sich der Pegel endlich unseren Prognosen anpassen zu wollen und bleibt konstant. Das genügt uns als Bestätigung. Wir fallen kurz darauf in einen tiefen ohnmächtigen Schlaf, aus dem uns hin und wieder Träume aufschrecken, wie der von einer nassen Kälte, die am Schlafsack leckt und uns auffahren lässt.

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