Anzeige

17. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 5: Durch wildes Land

Nichts soll uns aufhalten. Mit dieser Entschlossenheit ziehen wir Gepäck und Boot über die rostigen Stahlbleche einer Flutklappe nach oben auf eine weitläufige Wiese. Oben angekommen, stehen wir inmitten von Gräserblüten, die in unzähligen Pastelltönen leuchten. Hinter uns hallen in regelmäßigen Abständen die Motorengeräusche der nahen Überlandstraße heran.

Still und laut

Nur hundert Meter flussabwärts liegt eine kriegsversehrte Brücke. Ihre stillen Reste wirken in der wilden Wiese wie eine angestaubte Kulisse für ein dramatisches Theaterstück, dessen letzter Akt schön längst in einem unausweichlichen Finale geendet ist. Der Vorhang ist gefallen. Es rollen keine Flüchtlingstrecks mehr und der Donner der letzten Sprengung ist verflogen. Zurück bleibt der Widerstreit zwischen stiller Vergangenheit und lauter Gegenwart. Die Vergangenheit ist einfach nur präsent und mahnt geduldig, während die Gegenwart ihre gleichmäßigen Impulse über die Straßen ins Land schickt.

Brückenmonumente

Wir schreiten flussabwärts auf die alten Brückenmonumente zu. Uns ist dabei so, als treten wir zwischen zwei Brückenpfeilern durch ein Tor zu einer zeitlosen Existenz, wo das Alter von Beton, Ziegeln und Stahl unwichtig ist. Vor uns liegt nur noch hohes Gras und eine steile Böschung. Als wir uns wieder auf dem Wasser befinden, färbt bereits rotes Abendlicht das Land. Die Motorengeräusche verlieren sich schnell hinter uns. Vor uns breitet sich das Zwielicht eines späten Tages aus. Die Wasseroberfläche glänzt dunkel. Wir bewegen uns zügig vorwärts. Trotzdem sind wir zögerlich. Ein weiteres Wehr wollen wir heute nicht mehr erreichen. Doch so sehr wir auch Ausschau halten, es lockt nur das verbotene, polnische Ufer mit traumhaften Stränden, die im letzten Tageslicht schimmern. Wir fürchten eine weitere nächtliche Vertreibung und paddeln weiter. Unser Glück muss auf der schattigen Westseite des Flusses zu finden sein.

Bis zum Dunkelwerden

Die Gelegenheiten fürs Glück sind jedoch nur spärlich und die Zeit bis zum Dunkelwerden ist knapp. Deswegen zögern wir nicht weiter, als wir linkerhand auf einen grobkörnigen Kiesstrand zutreiben. Wir landen an und richten zügig unser Nachtlager ein. Das Zelt bleibt im Boot. Stattdessen bauen wir die Strandmuschel auf, denn der klare Abendhimmel verspricht eine trockene Nacht. Der Platz ist ungewohnt komfortabel und mit direktem Blick auf das Wasser. Der Fluss hat genügend Feuerholz angeschwemmt und das nötige Reisig pflücken wir von den verdorrten Ästen, die hinter uns ins Flussbett ragen.

Nicht abtreiben

Dermaßen auf die Dunkelheit vorbereitet, bleibt Zeit, das letzte Tageslicht für ein Bad im Fluss nutzen. Die Neiße strömt hier in einem verengten Flussbett zwischen Sandbank und Ufer so schnell, dass wir uns immer wieder vom oberen Ende der Sandbank ans untere Ende treiben lassen, weil wir mit unserem Schwimmen nichts gegen die Strömung ausrichten können. Um nicht abzutreiben, ist es dabei wichtig, immer rechtzeitig wieder das Land anzusteuern. Hätten wir den Absprung einmal verpasst, so hätte uns der Sog stromabwärts gezogen. Wir lassen uns auf mehreren solcher vergnügten „Fahrten“ mit dem Wasser treiben, bis wir uns frisch und sauber fühlen. Unsere Haare sind noch nass, als vor uns ein kleines Feuer im Kies flackert. Im warmen Rundkreis des Feuers bereiten wir das Essen zu. Heute Abend sind das Nudeln, für René aus der Dose und für mich aus der Tüte.

Niemandsland

Der bewegte Schein der Flammen legt sich auf die steilen hochumwachsenen Ufer, zwischen denen wir wie in einem Canyon sitzen. Nur ein ungewohnt schmaler Streifen des Nachthimmels steht mit seinen Sternen reglos über uns. Die Umgebung ist vom lodernden Widerschein des Feuers angeleuchtet, das die hohen Laubwände der Ufer zu Leben erweckt hat – Gespenstertanz. Was uns am Vorabend vergönnt blieb, erleben wir heute umso intensiver: Wir sind frei. Wir atmen tief ein. Über dem Wasser liegt etwas Anziehendes. Die bürokratisierte Gesellschaft kann uns heute nicht mehr erreichen. Eine Staatsgrenze existiert nur noch pro forma. Deutschland und Polen gibt es hier nicht, und auch keine politische Zugehörigkeit. Wir fürchten keine Uniform, denn wir haben das Gefühl, dass wir nicht gefunden werden können. Wir sind irgendwo zwischen den Grenzen, rausgefallen aus der Gegenwart, unterwegs in einem Niemandsland. Das ferne Grollen von weit stromaufwärts gehört dazu. Es erfüllt uns mit Wohlbehagen, wissen wir doch, dass wir den Süden mit seinen Gewittern schon vor Tagen verlassen haben. Unter klarem Sternenhimmel verkriechen wir uns in die Schlafsäcke – schlaftrunken verlieren sich unsere Sinne im Schmatzen und Glucksen des Flusses.

< < .. > >
Zum 1. Logbucheintrag

Mehr über die Neiße

  1. […] 17. Logbucheintrag: Hart an der Grenze […]

    16. Logbucheintrag: Hart an der Grenze - roadreport on April 18th, 2010 at 23:35
  2. Hallo Nicolaus,
    zunächst ganz herzliche Gratulation zu deiner hervorragend gemachten Internetseite auf die ich im welt weitem Netz gestoßen bin.
    Nun habe ich mir erlaubt, deine Flussbeschreibungen auf meiner Seite http://www.kanukarte.de zu verlinken. So werden sicherlich noch mehr Paddler auf deine Seite und deine Befahrungsberichte aufmerksam.
    Leider habe ich keine direkte E-Mail-Adresse auf deiner Seite gefunden, so dass ich nun über den Umweg der Komentarkomponente dir schreiben kann.

    Viele Grüße aus Landshut

    Werner

    Werner Götz on April 20th, 2010 at 03:40
  3. Vielen Dank! Dieses Kompliment kann ich 100-prozentig zurückgeben – auch http://www.kanukarte.de ist eine tolle Seite, und ich werde sie gerne in meine Linksammlung aufnehmen. Es ist jede Maßnahme zu begrüßen, die Informationen und Inspirationen für Wasserwanderer bietet. Beste Grüße nach Landshut!

    Nicolaus on April 20th, 2010 at 14:17
  4. […] 17. Logbucheintrag: Hart an der Grenze […]

    18. Logbucheintrag: Hart an der Grenze - roadreport on April 26th, 2010 at 10:09

Schreib einen Kommentar

Deine Email wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert *

*
*

Du kannst auch etwas HTML benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Das Glück liegt auf der Straße.

    Die Info-Seite für Rad-, Fuß- & Wasserwanderer mit Berichten, News und Infos zu Radwegen, Wanderwegen und Wasserrouten.

    Impressum
    Zum Autor
    Presse & Kooperationen

  • Kategorien

    • Aktuelle Meldungen (23)
    • Allgemeines (1)