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15. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 5: Durch wildes Land

Zur Weiterfahrt ist alles vorbereitet. Wir können sofort ablegen. Das brodelnde Wasser weist uns den Weg in eine weite Flusslandschaft, in der sich die Neiße in langgezogenen Mäandern ausbreitet. Der Fluss hangelt sich permanent von einer Talseite zur anderen. Die fernen Berge haben sich in den Nachmittagsdunst zurückgezogen, wo sie nur noch wie schemenhafte Skizzierungen in Grau schimmern. Darüber thront die hochstehende Mittagssonne, die uns allmählich mürbe macht.

Zähes Dickicht

Nur wenige Kilometer hinter Ostrau erreichen wir ein einsames Wehr, das sich in einer wildwüchsigen Umgebung präsentiert. Uns schaudert bei dem Gedanken ans Aussteigen. Wenn das Umtragen auch bisher nicht zu den Höhepunkten unserer Tour zählte, so bekommt es nun eine ganz neue Qualität. Nachdem wir das steile, von Weidedickicht verwachsene Ufer erklommen haben, finden wir uns ohne festem Schuhwerk in mannshohen Disteln wieder. In diesem nur schwer zu eroberndem Terrain fehlt uns zuerst der Überblick, denn die engen Mäander des Flusslaufs machen eine Orientierung schwierig. Wir kämpfen uns durch zähes Dickicht und hohes unwirtliches Gewächs. Unsere Füße und Beine brennen, als wir die stromabwärts gelegene Uferböschung erreichen.

Brennnesseln und andere Unbequemlichkeiten

Nachdem wir unser Gepäck mit einem nicht enden wollenden Spießrutenlauf durch Brennnesseln und andere Unbequemlichkeiten zur einzig möglichen Wiedereinsatzstelle getragen hatten, haben wir vorerst genug von einer derartig florierenden Wildnis und halten uns an Würstchen. Am Rande des Feldes im Schatten der Weiden lässt es sich erstmals wieder aushalten. Das Brennen an den zerkratzten Beinen lässt nach und das bescheidene Mittagsmahl bekommt uns nach diesen Strapazen umso besser.

Ertappt

Während wir so essen und den Blick an den entfernten Höhen entlang schweifen lassen, vernehmen wir ein sonderbares Geräusch. Es kam vom Wasser hinter uns und war keines, wie es für hiesige Tiere gewöhnlich ist. Ein solches Quieken ist uns neu und weckt unsere Neugier. Wir rennen zum Ufer hinunter. Zwischen den Bäumen entdecken wir Kinder im Wasser, die sich gerade ans gegenüberliegende Ufer flüchten. Wir haben sie geradewegs dabei ertappt, wie sie unsere Paddel stehlen wollten. Sie müssen sich unbeobachtet gefühlt haben. Nur so ist es erklärbar, dass unser plötzliches Erscheinen sie so erschreckt. Der Junge, der schon nahe am polnischen Ufer ist, schreit Unverständliches zu seinem Kompagnon hinüber und gestikuliert dabei hektisch. Der andere Junge erschrickt, rennt zurück zu unserer Uferseite, bis er so nah ist, dass er aus sicherem Abstand die Paddel zu uns ans Ufer herüberwerfen kann. Daraufhin flüchtet er sofort zur anderen Uferseite, wo wir ihn nicht zu fassen kriegen würden.

Einmal ein großer Paddler sein

Wir hingegen sind nur froh darüber, dass uns unsere Wasserschlägel nicht abhanden gekommen sind. Was hätten wir wohl ohne sie gemacht? Unsere Weiterfahrt hätte dadurch jedenfalls zweifellos eine ganz neue Wendung erfahren; und die hätte uns aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr weit gebracht. Während wir noch über derartigen Schreckensszenarien grübeln, fischen die Jungs schon wieder mit einem Netz im Kehrwasser des Wehrs, und tun so, als wenn nichts gewesen und wir niemals da gewesen wären. Nur als wir ablegen, um in die abenteuerliche Ferne stromabwärts zu verschwinden, können sie ihre neidischen Blicke nicht verbergen und schauen uns wehmütig nach. Vielleicht hat einer von ihnen – vielleicht jener, der die Paddel genommen hatte – in diesem Augenblick den Entschluss gefasst, einmal ein großer Paddler zu werden. Und er würde bald, ähnlich wie wir es jetzt tun, kräftig am Paddel ziehen, um Strecke zu machen und die wilden Flüsse dieser Welt abzuklappern.

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