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14. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 5: Durch wildes Land

Die Schwere des Vorabends hat sich bereits in der frischen Morgenluft aufgelöst, als wir gemeinsam mit dem Tal erwachen. Noch während des ersten Morgentees verdunstet die Morgenfrische im Schein der Sonne und steigt über den Baumkronen empor. Die Grenze von Schatten und Sonne bewegt sich leise auf uns zu.

Ablegen

Noch bevor uns das gleißende Licht erreicht, ist die Morgenfeuchte fort. Dieser Sommertag würde dem gestrigen in nichts nachstehen, und die anfänglich noch belebende Wirkung der Wärme würde bald umschlagen in eine erdrückende Mattigkeit. Die Wärme löst unsere Starre und der Anblick schäumenden Wassers versetzt uns in eine rege Betriebsamkeit.
Unter den verwunderten Blicken einiger Klosterbesucher packen wir eilig unsere Sachen ein und ziehen das Boot zum Wasser hinunter, wo wir es beladen. Wir wollen möglichst bald auf dem Fluss sein, um wie der Schaum mit dem Wasser hinter der Biegung ins Ungewisse zu treiben. Auf dem Klostergelände ist es noch ruhig und die Nonnen halten gerade ihre Messe ab, als wir unbemerkt von der Klosterinsel ablegen. Als sich hinter der Flussbiegung wieder Stille um uns herum ausbreitet, wirkt die Dauerberieselung des Wasserrauschens noch nach.

Häuser

Die Neiße verengt sich wieder bis auf wenige Meter und presst die Strömung in ein schmales Bett. Ihre Gestalt wirkt zwischen den hohen Ufern fast anheimelnd. Auf trübem aufgewirbeltem Wasser schießen wir an kleinen Fachwerkhäusern vorbei, die das Ufer säumen und mit ihrer niedrigen Bauweise an alte Fischerhäuser erinnern. Vor vier Tagen waren wir bereits einmal hier, um nach dem Fluss zu schauen, und haben uns von seinem idyllischen Bild eine Paddleridylle vortäuschen lassen. An jenem Nachmittag haben wir nicht erwartet, erst in vier Tagen wieder hier vorbeizukommen und sind stürmisch Richtung Zittau weitergefahren.

Sightseeing

Nach der Ortschaft werden wir langsamer. Die Strömung verläuft sich in einem tiefen Flussbett und die glatte Wasseroberfläche verrät ein neues Wehr. Wenige hundert Meter später taucht links von uns ein Sportplatz auf, an dessen Rand hohe Pappeln einen Weg begleiten. Am unteren Ende des Sportplatzes liegt das befürchtete Wehr groß und breit in einer Flussbiegung. Wir landen am Rand einer Kleingartenkolonie an.
Nachdem wir gemeinsam Boot und Gepäck ans Ufer gebracht haben, lasse ich René mit dem Umsetzen und Verladen allein, um in der naheliegenden Ortschaft neue Batterien für den Fotoapparat zu kaufen. Mein Landgang wird zu einer Sightseeing-Tour durch eine sympathische Kleinstadt der Lausitz. Ostrau ist ganz still an diesem Vormittag. Ich treffe nur wenige Menschen in den Strassen, und meist sind das spielende Kinder. Allein der Marktplatz ist etwas belebter, wo ich in einem Fotofachgeschäft gut bedient werde – Ich bin der einzige Kunde.

Gerettet, urtümlich und echt

Kaum habe ich den weiten Platz mit seinen frisch renovierten Giebelfassaden wieder verlassen, laufe ich wieder auf holprigem Kopfsteinpflaster zwischen Häuserklüften hindurch. In den engen Gassen lebt noch eine alte Stadt. An jeder Ecke und an jeder Wand lehnt die Zeit. Beinahe versiegelt und wie ein Museum wirkt die Stadt. Und trotzdem entdecke ich allerlei Gegenstände eines gelebten Alltags. Nichts ist unantastbar konserviert. Kaum radikale Modernisierungserscheinungen – Überwiegend geht der Wandel von gestern nach morgen behutsam vor sich. Es ist unklar, ob der Grund hierfür ein Mangel an Investitionskapital oder ein unbestechliches Gefühl der Einwohner für Authentizität ist. Jedenfalls scheint es mir sinnvoll zu sein, wenn das Verantwortungsgefühl vor dem Geld eintrifft. Diese Stadt scheint damit gerettet. Sie erscheint rustikal, urtümlich und echt.

Laubenpieper-Flair

Dieser Eindruck hält bis zuletzt an, als ich am Ende einer Strasse bei den letzten Häusern am Rande von Ostritz wieder ins Freie trete. Das Pflaster wird von Gras abgelöst und der restliche Weg ist ein Pfad, der am Rande der Kleingärten verläuft. Ich gehe vorbei an dichten Hecken, die gelegentlich den Blick auf sorgfältig angelegte Blumenbeete und bunte Flaggen freigeben. Trotz der vielen grellen Farben dominiert das Grün von geschorenem Rasen und saftig-wuchernden Wiesen am Wegesrand. Die Laubenpieper haben es sich eingerichtet. Die beflaggten Parzellen sind wohlgeordnet, zugeteilt, abgezäunt, gepflegt und geschmückt; jedoch sind sie menschenleer. Nur an einem Gartentor lehnt ein Moped. Doch vom Besitzer ist auch hier nichts zu sehen. Am Ende der Gärten liegt das Wehr und René, der am Rande des Weges mit dem Kopf an einem Zaun lehnend in der grellen Vormittagssonne döst und dabei gelegentlich aus einer Flasche süß-klebrige Orangenlimonade schlürft.

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