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13. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 4: In klösterlicher Obhut

Wir haben das andere Ende des Tals erreicht. An jener Stelle, wo sich die Berge zurückziehen, liegt im Dämmerlicht ein Wehr und dahinter das Kloster Marienthal.Die Abendsonne dringt bis zu uns vor und wärmt. Unser Mekka ist erreicht. Wir können aus den Schatten des Tals heraustreten. Doch die Dunkelheit steigt bereits ins Tal hinab. Wir haben noch eine Stunde Licht. Diese Stunde wollen wir dazu nutzen, um es uns für diese Nacht auf dem Klostergelände einzurichten.

Die Klosterinsel

An diesem Wehr müssen wir sowieso umtragen. Da bietet es sich an, auch gleich auf der Klosterinsel zu lagern, die unterhalb des Wehrs etwas abseits von den Gebäuden wie eine Halbinsel im Flussbett liegt.
Sie ist lediglich vom Klosterhof aus über eine kleine Brücke zu erreichen. Dort werden wir uns sicher fühlen. Außerdem ist ihr Strand einladend hell und makellos aus gewaschenem grobkörnigen Kies, der sich in der Kehrströmung des Wehrs angesammelt hat. Am Abend wird nur noch vereinzelt jemand zur Insel herübergetrottet kommen und es scheint so, als könne uns hier niemand und wir niemanden stören. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, sind wir uns sofort einig: Den heutigen Abend wollen wir nirgendwo anders als hier verbringen. Davon ist nur noch die Klostergemeinde zu überzeugen. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, wie sich jetzt zeigen sollte.

Altherrengesellschaften

Die Bewirtschaftung des Geländes hat, wie es nicht untypisch in dieser neuen Zeit ist, ein professioneller Hotelbetrieb übernommen. Die wenigen verbliebenen Nonnen machen nur noch einen kleinen Teil des Klosterlebens aus. Stattdessen empfängt uns zuerst eine feuchtfröhliche Altherrengesellschaft im Klosterhof, die sich vor dem Restaurant zusammengetan hat. Wir ernten nur flüchtige Blicke von ihnen.

Piraten

Im Rezeptionsgebäude ist das jedoch schon anders. Kaum haben wir den Raum betreten, werden wir dort wegen unserem verwilderten Äußeren skeptisch gemustert. Ein jüngerer Herr empfängt uns mit besorgter Miene und versucht dabei angestrengt, sich neutral gegenüber uns zu verhalten. Doch kaum tragen wir unser Anliegen mit optimistischer Zuversicht vor, bröckelt diese Fassade. Dem Kloster-Zivi an der Rezeption fällt es nun sichtlich schwer, seine nervösen Blicke angesichts unserer verwegenen Erscheinung zu verbergen. Wir müssen auf ihn mehr den Eindruck von Piraten als von ehrbarer Kundschaft machen.

Einchecken

Nach einigen kurzen Erläuterungen über unsere Reise löst sich die erste Unruhe. Stattdessen stellt sich Ratlosigkeit ein. Etwas hilflos versichert uns der am Zivilen Dienstleistende, dass er nichts für uns tun könne. Über derartige Belange des Zivilen könne er nicht entscheiden und grundsätzlich ist es nicht vorgesehen, Reisende unserer Art anders als in einem Hotelzimmer unterzubringen. Erst nach zähen Verhandlungen und etwas Diplomatie können wir seine Vorgesetzten davon überzeugen, dass wir auf keinen Fall ein stickiges Hotelzimmer beziehen wollen, sondern vielmehr ganz bescheiden auf der Klosterinsel einzuchecken wünschen. Mit einer kleinen Spende für die Schwesterngemeinde des Klosters können wir unseren lauteren Absichten insoweit Nachdruck verleihen, dass wir die Einwilligung zum Kloster-Camping bekommen.

Kloster-Camping

Damit sind wir für eine Nacht in die Obhut des Klosters genommen. Unsere Glückseligkeit darüber wird noch dadurch vergrößert, dass wir dem Umtragen des Wehrs über den Klosterhof erfolgreich entgehen können, indem wir Gepäck und Boot über die Fischtreppe des Wehrs auf die darunter liegende Insel schaffen. Die Altherrengesellschaft bleibt also weiter unter sich und wir haben noch genügend Zeit gewonnen, unser Lager im letzten Abendlicht aufzustellen. Die Insel ist ein abgelegenes Anhängsel des klostereigenen Sägewerks, wie wir jetzt feststellen. Einen Finger hat sich hier aber schon lange niemand mehr von der Hand geschnitten. Heute summt hier ein kleiner Generator, der aber zu unserem Glück um ein Vielfaches vom Wasserrauschen des Wehrs übertönt wird. Die Klostergebäude im Rücken, bauen wir unser Zelt etwas abseits vom Fluss auf und sind trotzdem zum größten Teil von Wasser umgeben, das sich durch die Flussbiegung mit weißen Schaumflocken rasch in die Dämmerung davon schiebt.

Magisch

Vom Talausgang zieht sich bis zum gegenüberliegenden Ufer der Wald wie eine dunkle Wand hin, aus dem über das monotone Rauschen hinweg immer wieder der abwechselnde Gesang mehrerer Nachtigallen zu uns hinüberfliegt. Bei leichter Kost unter klarem Sternenhimmel sprechen wir noch von allerlei Dingen. Das Bier ist im Wasser angenehm kühl geworden. Der steinige Untergrund strahlt die letzte Wärme des Tages ab. Es ist die Hitze eines der heißesten Sommertage des Jahres. In der schwülen Abendluft schwebt der schwere feucht-duftende Geruch des fein zerstäubten Flusswassers vom Wehr zu uns herüber. Zwischendurch kommt ein älterer Herr mit Hut auf die Insel hinübergewankt, legt sich in den Kies und schläft. Erst tief in der Nacht torkelt er zurück über die Brücke in den Klosterhof. Es ist ein magischer Abend. Wir wissen nicht, ob es am Kloster oder an der unmittelbaren Nachbarschaft zum Wehr liegt. Das Wasser übertönt mit einem gleichmäßigen, einschläferndem Rauschen unsere Stimmen und schiebt den feuchten Duft der Neiße zu uns herüber. Darüber werden wir allmählich müde und das Rauschen trägt uns in einen traumlosen Schlaf hinüber.

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