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12. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 4: In klösterlicher Obhut

Wir sind nass bis unter die Achseln, doch die Sonne trocknet uns schnell. Den weiteren Nachmittag herrscht eine friedliche Paddleridylle um uns herum.Vor uns hindösend, rieseln wir auf sanftem Wasser den Fluss herunter und erreichen eine kleine Ortschaft am linken Ufer. Im Vorbeitreiben kommen wir mit einer freundlichen Anwohnerin ins Gespräch. Sie, Anfang vierzig, kommt nicht von hier. Der mitten im restaurativen Wideraufbau befindliche Gutshof hinter ihr verrät, was sie hierher verschlagen hat – sie spricht von einer alten Familiengeschichte.

Ein schillernder Ort

Von ihr erfahren wir, dass heute eines der heißesten Tage des Jahres ist. Das passt trefflich zu unserer Sommerstimmung. Ein späterer Blick in die meteorologische Statistik bestätigte es: Der 27. Juli 2005 gehörte tatsächlich zu den heißesten Tagen des Jahres. Während des kurzen Gesprächs fällt erneut dieser Name, schillernd wie ein Schatz und vielversprechend wie das Nirwana – Kloster Marienthal! In den letzten Tagen wurde uns schon öfter von diesem Ort berichtet, doch heute sollten wir ihn endlich erreichen. Er sei schon ganz nah, wird uns versichert.

Verwunschen

Voller Erwartung treiben wir am Spätnachmittag in ein Tal, das sich direkt hinter dem Dorf auftut. Wir ahnen, dass es dasjenige sein muss, das dem Kloster einst seinen Namen gab. Der Fluss ist jetzt flach und breit und ein wohltuender Schatten liegt auf dem Wasser. Vor uns befindet sich eine Engstelle wie ein Tor. Es ist der Taleingang, wo sich der Fluss in zwei Arme teilt. Das Wasser wird flüsterleise und trägt uns hinein. Sofort dämpft dichter Laubwald das grelle Tageslicht um uns herum und taucht die Umgebung in ein verwunschenes Dämmern.

Neue Welt

Kaum haben wir an das Zwielicht gewöhnt, da ist es uns so, als müssen wir uns die Augen reiben.
Wir sind in eine neue Welt geraten und reisen jetzt auf einem skandinavischen Fluss. Die Berge haben sich heimlich wieder dicht an die Ufer des Flusses gedrängt. Eine Sohlschwelle zeigt den Tal-Eintritt an. Schnelle Strömung erfasst das Boot und zieht uns in die Schlucht. Grünes Dickicht umrahmt nun auf beiden Seiten das Wasser, darunter viele Farngräser und dahinter Wald. Vor uns sprudelt Wasser, das sich in einem breiten Flussbett ausdehnt. Die Wassertiefe nimmt rapide ab. Schon sehen wir bunte Kiesel in verschiedensten Größen dicht unterm Kiel vorbeischießen. Manchmal schrammen wir auf dem Flussgrund oder laufen auf eine kleine Kiesbank. Überall ragen große Felsen aus dem flachen Wasser. Fast jeder von ihnen markiert eine neue kleine Schwelle, über die sich glucksend das Wasser schiebt. Keine Verblockung ist undurchdringlich und keine Stromschnelle unpassierbar. Der Fluss fordert alle unsere Sinne, aber er ist gut zu uns. Nur manchmal müssen wir das Boot treideln.

Mittendrin wir

Am linken Ufer gondeln vereinzelt Radfahrer auf dem Oder-Neiße-Fernradweg entlang. Rechts im steilen Hang schmettert in regelmäßigen Abständen das Horn der Lausitzbahn, die von Zittau nach Cottbus und andersherum fährt. Mittendrin sind wir, mal im Boot sitzend oder auf unseren mittlerweile dick gewordenen Fußsohlen durchs Wasser watend. Da wir kontinuierlich vorankommen, können wir die beeindruckende Szenerie des Tals genießen. Es ist der mit Abstand abenteuerlichste Abschnitt auf unserer Reise.

Enttarnte Idylle

Als sich die Sonne schon hinter den Bergkamm senkt, lässt das Glucksen und Gurgeln nach. Kaum noch ein Radfahrer ist unterwegs. Fast ist uns so, als wären wir allein. Eine intensive Stille legt sich über das Wasser. Daraus tritt allmählich ein immer deutlicheres Rauschen hervor. Die Idylle ist enttarnt. Bald wird ein Wehr kommen.

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