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11. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 4: In klösterlicher Obhut

Ein monotones Rauschen des Wassers zieht vom Wehr herüber und verleiht diesem heißen Vormittag den Eindruck von etwas Frischem. Das Grün der Ufer verstärkt diesen Eindruck, doch tatsächlich sind wir von einer baumlosen Welt umgeben, wo es keinen Schutz vor der gleißenden Sonne gibt.

Tausendfache Spiegelreflexe

Wieder auf dem Wasser, wird das nicht besser: Um uns herum blitzen tausendfach Spiegelreflexe und brennen sich auf unserer Netzhaut ein. Mit zusammengekniffenen Augen paddeln wir durch schattenloses Land, bis sich im flimmernden Blick ein imposanter Bogen abzeichnet, der sich vor uns über den Fluss spannt. Der Fluss dehnt sich nun erstmals in einem kanalartigen Bett bis heran an ein Wehr aus, das in stiller Erhabenheit in den blauen Himmel ragt. Es trägt, ähnlich einer Brücke, eine Straße über den Fluss, und die Stau-Tore sind von einem schnörkellosen Bogen eingefasst. Der grobkörnige Beton ist von einer Rußschicht bedeckt, die den Bau über die Zeit grau-braun gefärbt hat.

Eingefrorene Zeit

Wir haben das alte Kohlekraftwerk von Hirschfelde erreicht, das sich links von uns hinter einer alten Kastanienallee als großer alter Industrie-Backsteinbau ausbreitet. Die hohen dunklen Fenster glotzen stumpf in die Mittagssonne. Alles wirkt leblos und erstarrt, wie eingefrorene Zeit. Am rechten Ufer hinter einer bewaldeten Höhe müssen die alten Kohlegruben liegen, wo sich jahrzehntelang Arbeiter durch die schlesischen Flözschichten gegraben haben. Es scheint so, als müssen gleich die Kumpels auf der anderen Uferseite erscheinen, zurück aus den Gruben, um Kohle für das Kraftwerk heranzuschaffen – Dazu ihr näherkommendes Stimmengewirr und ab und zu ein deutliches Lachen dazwischen. Und aus der Halle würde bald wieder schweres Geräusch von einsetzender Betriebsamkeit herüberschallen.

Eine Grenze

Doch alles bleibt still. Nur das grelle Wasserrauschen hat niemals aufgehört und liegt wie eine schützende Glocke über dem erstarrten Bild. Die letzte Mittagspause war hier schon lange vorbei, und jedem, der das vergessen würde, droht der Stacheldraht an der alten Straße über den Fluss, die von Moosen und Gräsern bewachsen ist und über die schon lange kein Arbeiter mehr gegangen ist. Heute trennt der Fluss das Kraftwerk von den Gruben und ist eine Grenze, die sich durchs Land schneidet.

Grenzenlose Freiheit

Für uns aber ist jetzt und hier Mittagspause. Das tiefe Rückstaubecken lädt uns zum Baden ein. Unseres Miefs überdrüssig, springen wir immer wieder von der Betonkante ins kühle Wasser. Jedes Mal, wenn wir ins Wasser eintauchen, fühlen wir uns freier, die Strapazen der bisherigen Strecke fallen von uns ab. Inmitten dieses Freiheitsrauschs tauchen plötzlich zwei Grenzschutzbeamte auf, die unsere Ausweise zu sehen wünschen. Wir fühlen uns davon nicht weiter gestört, kramen unsere Ausweise hervor und machen daraufhin weiter – doch grenzenlose Freiheit ist etwas anderes.

Nervöses Rumzurren

Das Mittagessen fällt pragmatisch aus – ohne großen Aufwand und im Schatten der Straßenüberführung. Das Wiedereinsetzen mit Boot und Gepäck verlangt wieder einmal vollen Körpereinsatz. Wir müssen die gesamte Ausrüstung eine Strecke stromabwärts tragen und dort an einer steilwandigen Böschung herablassen. Bereits nach wenigen Paddelschlägen wird das Flussbett unter einer alten Brücke wieder holprig. Zwei kurze aufeinander folgende Stromschnellen spielen mit dem Wasser, dass es nur so zischt und rauscht. Wir landen für eine aufwendige Besichtigung an und schlagen uns durch mannshohes Dickicht am Ufer. Was wir entdecken, kann uns kaum beruhigen, aber wir überwinden unsere Hemmungen und steigen wieder ins Boot. Noch etwas nervöses Rumzurren an den Spritzdecken und dann stoßen wir uns in die Strömung.

Nur Schaumflocken bleiben

Meine Nerven sind nun bereits so ziemlich aufgerieben, als wir die erste Sohlschwelle erreichen. Das Boot kippt nach vorne in einen kochenden Schlund. In diesem Augenblick bin ich plötzlich ganz ruhig und konzentriere mich nur darauf, das Boot in der Linie zu halten. Bei René hingegen ist es anders: zuerst beim Heranfahren freut er sich ganz verwegen auf das Erlebnis, als dann aber der Moment eintritt, wo die Wellen vorne bei ihm einschlagen, jauchzt er aufgeregt. Kurz darauf ist es wieder ruhig und das Boot schaukelt sich aus. Sofort lullt uns wieder ein stiller Fluss ein, als wäre es nie anders gewesen. Nur die Schaumflocken auf dem Wasser und das verhallende Rauschen hinter uns sind geblieben.

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