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9. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 3: Zurück in Deutschland

Es hätte ein schöner Abend werden können – doch hier schleicht sich schon wieder der Konjunktiv ein und deutet auf ein anderes Ende dieses Tages hin: Wir bekommen Besuch.Zwei eifrige Grenzschutzbeamte sehen sich durch unser nomadisches Treiben dazu veranlasst, ihre Grenze zu schützen. Zu diesem Zweck verweisen sie auf ihre staatlich zugewiesene Autorität und verlangen, dass wir unser Paradies verlassen und uns ein paar läppische Meter weiter westlich auf dem deutschen Ufer niederlassen.

Der Traum von Tom Sawyer und Huck Finn

Das hat jedoch in seiner schnöden Kargheit nichts für uns zu bieten. Wir wollen hier bleiben. Allein schon der Gedanke an diese nächtliche Vertreibung ist völlig unmöglich. Also bemühen wir uns entsprechend, um unsere Argumentation mit Witz und Vernunft zu gestalten. Unser Einfallsreichtum wird aber nicht honoriert. Wenigstens können wir erreichen, dass die beiden Herren Grenzschützer telefonisch ihre Vorgesetzten zurate ziehen. Doch unsere Anwesenheit im Grenzzwischenraum wird von den höheren Instanzen als Provokation aufgefasst und es heißt von dort wortwörtlich: „Da kommt doch keine Ruhe rein!“ Müde und traurig müssen wir unser geliebtes Flussbett verlassen. Die Insel bleibt weiterhin, wie schon in den letzten sechzig Jahren, ihrer unberührten Einsamkeit überlassen, und wir lassen den Traum von Tom Sawyer und Huckleberry Finn hinter uns in der Dunkelheit zurück.

Schmucklos

Über die Zeit ist es bereits dunkel geworden. Es wird nun nicht mehr so leicht sein, ein geeignetes Plätzchen zum Anlanden zu finden. Zudem kann uns die schlechte Sicht auf dem schnellen Wasser leicht in kritische Situationen bringen. Bereits nach wenigen hundert Metern stromabwärts legen wir vorsichtshalber am rechten Ufer an. Unser Paradies haben wir damit gegen ein Moloch eingetauscht. Jetzt haben wir zwar das große Blätterdach einer alten Eiche über uns, doch der Lagerplatz ist schmucklos.

Disziplin und Ordnung

Vor uns liegt der Deich wie eine dunkle Wand, und neben uns ergießt sich ein einbetoniertes Rinnsal in den Fluss und bildet verdächtige Schaumkronen auf dem Wasser. Das obligatorische Grillen wagen wir heute nicht mehr, denn, wieder im Hoheitsgebiet von Disziplin und Ordnung angelangt, fürchten wir dadurch nur weitere Repressalien. Also sitzen wir unter einem mondlosen Sternenhimmel und dünsten unsere letzte Ration Grillfleisch im Kochtopf. Wenigstens stellt sich diese Grillersatzvariante als echter Glücksfall heraus. Unser Grillfleischragout mit Trocken-Brot schmeckt vorzüglich.

Grenzpatrouille

Bald darauf treiben uns Müdigkeit und Taunässe ins Zelt. Das weitere Nachtprogramm sieht neben dem allabendlichen Logbucheintrag jedoch noch eine Personalkontrolle vor. Schon halb im Schlaf, werden wir von einer Grenzpatrouille geweckt – Zelt- und Ausweiskontrolle. Der Schikanen überdrüssig, lassen wir diese grenzschützende Maßnahme in Demut über uns ergehen. Zuletzt wünscht man uns noch eine Gute Nacht. Diese fürsorgliche Betreuung macht uns neugierig: Was sich die staatlichen Animateure wohl morgen für uns ausdenken werden? Als wir einschlafen, hören wir nur noch den Wind im Eichenlaub rascheln und nehmen am Rande wahr, dass manchmal die Briese eines absonderlichen Dufts die Zelthaut streift.

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