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6. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 3: Zurück in Deutschland

Der Morgen ist warm und wir wechseln aus unserer morgendlichen Müdigkeit allmählich in einen Zustand der Trägheit. Fast können wir nicht unterscheiden, was es ist. Der Übergang von einem zum anderen vollzieht sich fast unmerklich. Der gestrige Tag sitzt noch in unseren Knochen und wir tun uns schwer dabei, unsere Glieder wieder zurechtzubiegen. Der warme freundliche Morgen verwandelt sich schnell in einen heißen, drückenden Vormittag. Wir hören unentwegt die rauschenden Stromschnellen hinter uns in der Flussbiegung, was unserem Frühstück einen bitteren Geschmack von Mutlosigkeit beimischt. Nach dem Frühstück entscheiden wir uns dazu, quer über den Dorfplatz ans andere Ende der Flussbiegung umzutragen, damit wir dort an einem ruhigeren Abschnitt einsetzen können. Als wir bereits mit Sack und Pack über die Dorfwiese tingeln, erwacht in den umliegenden Straßen das Leben und wir treffen auf vereinzelte Menschen und Hunde.

Wieder wild

Schon wieder der ersten Erschöpfung des Tages nahe, können wir endlich das Boot auf einer ins Wasser reichenden Kiesschüttung beladen. In der übersichtlichen Situation gelingt der Start gut und die schnelle Strömung trägt uns in wenigen Minuten aus dem gastlichen Dorf heraus. Gleich dahinter ist die Umgebung des Flusstals wieder wild. Bis auf wenige Äcker ist nichts von der Zivilisation zu bemerken. Wo die Wildnis regiert, fehlt es bald wieder an Wasser und wir müssen aus dem Boot steigen, um vorwärts zu kommen.

Watscheln auf Socken

Unsere Füße haben sich noch nicht an das steinige Flussbett gewöhnt. Daher sind wir froh, genügend Socken dabeizuhaben, von denen wir uns gleich mehrere Paar über die geschundenen Füße ziehen. So watscheln wir unbeholfen in unseren dicken Baumwollmokassins den Fluss hinab. Der Eindruck des Watschelns wird dadurch verstärkt, dass die Socken immer wieder vom Knöchel rutschen und wie lange Lappen an den Füßen hängen. In dieser Manier passieren wir Schwelle um Schwelle. Dazwischen befinden sich Schrägen, auf denen das Wasser wie auf einer steinigen Rutsche heruntergleitet. An diesen Stellen ist der Fluss lediglich knöcheltief und gleicht einem nicht enden wollenden Nichtschwimmerbereich. Einmal versuchen wir, eine solche Schräge als Bootsrutsche zu nutzen und laufen mit dem Bug auf Grund, woraufhin das Boot sofort querläuft und beinahe kentert.

Mit scharfen Zähnen

Gegen Mittag erreichen wir das letzte Wehr vor der tschechischen Staatsgrenze. Es ist wenig schmuckvoll und mit hässlichen Spundwänden in den Fluss gerammt. Die umliegende Landschaft hingegen ist pittoresk anzuschauen. Das Tal tritt auseinander und gibt vereinzelt den Blick auf ein Panorama von entfernten Bergen frei. Wie die Berge dort grau im Dunst stehen, wirken sie fast unwirklich wie eine plötzliche Erscheinung. Ganz real hingegen wirken die beiden Reihen von Spundwänden, die sich vor uns mit ihren scharfen Zähnen emporrecken. Das Wasser stürzt weiß aufgeschäumt über die Kanten und treibt brodelnd mit Schaumflocken davon.

Logistische Raffinessen

Beim Umtragen bemerken wir die herannahenden Wolken nicht, die uns mit einem leichten Sommerregen überraschen. Wir nehmen diese unerwartete Wetterwende zum Anlass, ein gemütliches Mittagsmahl unterm Regenschirm abzuhalten. Die Ravioli und Spaghetti aus der Büchse machen uns zwar nicht zu Gourmets, aber wir sind wenigstens zu echten Experten der pragmatischen Gemütlichkeit geworden. Zwischen den einzelnen Gepäckhaufen, die wir in regelmäßigen Abständen in der Landschaft verteilt haben, sitzen wir auf Hockern unter unseren Regenschirmen. Der Kocher zwischen uns verströmt seine wohlige Wärme. Pünktlich mit dem Ende des Mittagessens hört es auf zu Prasseln und es ist an der Zeit, unsere logistischen Raffinessen mit den verstreuten Gepäckhaufen zu einem brauchbaren Ergebnis zu führen.

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