Auf der Neiße/Tag 2: Abfahrt ohne Ankunft
Kurz vor der Ortschaft Billy nad Kostel ist es mit der Ruhe plötzlich vorbei. Ein rechtsseitiger Ablauf einer Wassermühle bringt uns das Wasser zurück und beendet unsere Plackerei. Nun haben wir wieder ausreichend Wasser unterm Kiel und Wellen schlagen ums Boot. Die Stromschnellen und das ständige Seitenwechseln zerrt an den Nerven und der Kondition. Serienweise folgen enge Mäander aufeinander und bei jeder Stromschnelle tauchen wir bis zu den Achseln ins Wasser. Mit Schwung schießen wir durch die Schaumkronen und das Adrenalin durch unsere Adern. Doch dieser Kick kommt zu spät für diesen Tag. Es dämmert bereits und meine Arme fühlen sich schlaff wie Pudding an. Das muss bald aufhören und ich drehe das Boot vor einer großen Flussbiegung mit der letzten Kraft aus der Strömung.
Gestrandet
Ein kleines Kehrwasser bietet eine Möglichkeit zum Anlanden. Ans Weiterfahren ist nicht mehr zu denken. Als wir die Böschung hinaufklettern, stehen wir am Rande eines Sportplatzes, umgeben von Straßen und Häusern. Wir sind mitten in einem tschechischen Dorf gestrandet und fühlen uns ein bisschen wie Schiffbrüchige, als wir unser Nachtlager aufschlagen. Noch ein bisschen verschämt, suchen wir Feuerholz. Doch darum ist es gut bestellt und wir bedienen uns bei einigen nahen Reisighaufen. Im Laufe des Abends gehören wir bald schon zur Ausstattung des Dorfplatzes. Im Hintergrund spielen noch einige Kinder Fußball, während bei uns bereits die allabendliche Gemütlichkeit mit Lagerfeuer und Grillfleisch eingezogen ist.
Inmitten des dörflichen Nachtlebens
Dass wir unser Tagesziel Zittau nicht erreicht haben, stört uns jetzt nur noch wenig – doch die Tragik liegt im Detail, denn unsere Grenzgenehmigung für die Neiße läuft heute ab. Während sich das Zeitfenster für den Grenzübertritt schließt, vertreiben wir uns mit Wonne den Abend an einem Bilderbuch-Lagerfeuer und sind dabei vom dörflichen Nachtleben eines lebendigen tschechischen Dorfes umgeben. Die rege Geräuschkulisse stört uns nicht weiter. Viel mehr als den Schmerz in den Gliedern fühlen wir an diesem Abend nicht, und auch dafür sind wir beinahe zu erschöpft. Bleiben wir still sitzen, fühlt sich alles nur taub an, aber bewegen wir uns, dann zieht der Schmerz in allen Gliedern. Die milde Abendluft macht uns schläfrig und wir kriechen bald ins Zelt. Um uns herum existiert nur noch das stete Rauschen des Wassers, mit dem uns der Fluss noch leise seine Geschichten zuflüstert.

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