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3. Logbucheintrag: Hart an der Grenze

Auf der Neiße/Tag 2: Abfahrt ohne Ankunft

start-auf-der-neisseAm Morgen liegt eine unwirkliche Stille im Tal. Alles ist feucht und aufsteigender Nebel bedeckt die Wiese. Mit der Tageswärme erwacht auch unsere Gewissheit darüber, dass wir nun endlich den Tag beginnen würden, an dem das langersehnte Vorhaben zur Tat werden soll. Ungeduld treibt uns. Wir wollen ausprobieren, wie die Unmengen von Wasserflaschen, Dosen und Schokoriegel ins Boot passen. Nach dem Frühstück findet auch noch das Nutellaglas seinen Platz und wir können schwerbeladen aber verhältnismäßig komfortabel ablegen und der bewegten Neiße die Regie übergeben. Ein letzter obligatorischer Blick über das Lager: Nichts fehlt, alles ist an Bord. Ein letzter Gruß an das gastliche Tal, das jetzt schon im grellen Sonnenschein liegt. Zügig zieht das plätschernde Wasser mit uns davon.

Talwärts

Wir schauen uns im flachen Flussbett um. An beiden Ufern steht dichtes Strauchwerk und dicht unter uns rieseln runde Kiesel im flachen Wasser. Mit unserem schwimmenden Schwertransport passen wir nicht so recht in das Bild dieses jungen Flusses, der sich hier mit spritziger Leichtigkeit in den Berg schneidet. Doch das stört uns in diesem Augenblick wenig, denn wir wollen unbekannte Paddelreviere entdecken. Die ersten Sohlschwellen zeigen sich harmlos; nur manche Untiefe kratzt unheilvoll am Bootsrumpf. Mit wenig Wasser und viel Eile zieht uns die Strömung talwärts und bald haben wir es auch gelernt, die verräterischen Strömungsmuster zu erkennen, die diejenigen Kieselbänke anzeigen, auf die wir zuvor noch knirschend aufgelaufen waren.

Abgesoffen

Der Vormittag ist noch nicht vorbei, als eine künstliche Staustufe unseren Weg kreuzt. Wir steigen aus und betrachten die Lage. Ein Durchbruch von wenig mehr als drei Metern Breite zeigt an, wo wir das Boot runtertreideln können, wenn wir vor dem Mittag keinen nassen Hintern riskieren wollen. Dafür wäre es noch zu früh, denken wir und legen Schuhe und Hosen ins Boot, um im Wasser sorglos planschen zu können. Das Treideln geht locker von der Hand und das Boot läuft schnurgerade die Schwelle hinunter. Doch dann überrumpelt die Praxis die Theorie. Das Boot wird von der rückläufigen Strömung erfasst, und während ich wie ein Depp an der Wasseroberkante stehe und dem nichts entgegensetzen kann, wird das Boot unter das Fallwasser gezogen. Natürlich hätte ich abwarten sollen, bis René im Unterwasser das Boot hätte abfangen können, das war mir plötzlich ganz klar. Theorie und Konjunktiv sind nicht immer eine gute Kombination, also müssen wir den abgesoffenen Kahn aus der Walze auf eine Kiesbank ziehen. Dort liegt er dann schwer wie ein nasser Sack und lässt sich kein Stück mehr bewegen.

Fortgerissen

Eine Bootswäsche ist an und für sich nichts Tragisches, doch René ahnt Schlimmeres und stochert im Kehrwasser herum. Er sucht die Reste unserer Klamotten, die wir vorsichtshalber ins Boot gelegt hatten. Doch es ist zu spät. Fast alles ist weg, vom Wasser fortgerissen und abgetrieben. Selbst vom Oberdeck fehlen Dinge, die wir nur nachlässig befestigt hatten. Nur das, was in den Packsäcken und Ladeluken verstaut ist, bleibt uns erhalten. Die traurige Bilanz: Unsere bequemsten Hosen mit unseren Taschenmessern, unsere einzigen Schuhe an Bord, eine Jacke, eine Plane und einiges anderes fehlen jetzt und treiben schon weiter Richtung Grenze.

Ein mulmiges Gefühl

Wir schöpfen das Wasser aus dem Kajak. Böse Gedanken über den Gegensatz von Theorie und Praxis verdrängen wir dabei; alles ist gut und unser Boot eine große Badewanne. Ein echter Trost hingegen ist, dass dieses Erlebnis unsere Einstellung zum Fluss schon am Beginn entscheidend verändert hat und uns damit vor Schlimmerem bewahren konnte, da wir nun gewissermaßen für das Kommende sensibilisiert sind. So ist uns klar geworden, dass wir keine sorgenfreie Spazierfahrt gebucht hatten. „All inclusive“ meint hier nicht nur die Verpflegung, vielmehr ist die Aufmerksamkeit aller Sinne gefordert. Am Ende dieses Erlebnisses bleibt das mulmige Gefühl, hier am Anfang von etwas Größerem zu stehen, was vielleicht nicht ganz so souverän wie gewohnt zu bewältigen ist.

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